Giuseppe Spota inszeniert Philip Glass’ Oper „Echnaton“ in Dortmund

Gewaltige Bilder für einen Pharao: Szene aus „Echnaton“ in Dortmund mit David DQ Lee (Echnaton, Mitte). Foto: Hickmann/ STage Picture

Dortmund – Denker, die die Welt veränderten, machte Philip Glass zu Hauptfiguren einer Operntrilogie. Auf „Einstein on the Beach“ und „Satyagraha“, eine Oper über Gandhi, folgte 1984 „Echnaton“ über den bilderstürmenden Pharao, der eine neue Religion schuf.

An der Oper Dortmund ist, zwei Jahre nach „Einstein on the Beach“, nun eben diese Schlussoper zu sehen. Es ist ein gemeinschaftlicher Kraftakt der Sparten Oper und Ballett. Sänger und Tänzer gemeinsam führt der Regisseur und Choreograf Giuseppe Spota durch einen Bilderreigen, der Anspielungen an das alte Ägypten bedient und dem Sog von Glass’ Minimal Music eine eigene Anziehungskraft entgegenzusetzen sucht.

Ein Sog stellt sich ein. Die Sänger überzeugen: David DQ Lee als weltentrückter (und aufgrund einer Erkältung vorsichtig singenger) Echnaton. Aytaj Shikhalizada ist eine dunkel leuchtende Nofretete. Das Liebesduett von Nofretete und Echnaton ist der Angelpunkt dieser Aufführung. Auch Anna Sohn als leuchtende, durchschlagkräftige Königin Teje fällt auf. Und eine gewichtige Rolle spielt der Chor, der mit starker Präsenz an Monumentalfilmsoundtracks erinnert, aber während des „Großen Sonnengrußes“ zart und behutsam vorgeht (Einstudierung: Fabio Mancini). Die Dortmunder Philharmoniker (geleitet alternierend von Motonori Kobayashi und Christoph JK Müller) geben sich Mühe mit der Partitur, aber es fehlt doch manchmal an der Feinabstimmung, vor allem bei den Blechbläsern.

Claus Dieter Clausnitzer spricht mit spröder Gelassenheit den Chronisten, der hier betont außerhalb der Handlung steht. Er ist ein Reiseführer durch die Zeiten. Am Ende wird er etwas resigniert das heutige Tell-el-Amarna anpreisen. Dort vollzog der historische Echnaton einst die Neugründung: eine Stadt zum Ruhme Atons, dessen Sohn er sei. Doch das Reich gerät in eine Krise. Seine Nachfolger geben ihn der Vernichtung preis. Alles vergeht – und ist doch präsent. Deswegen liegen um die Ägypten-Bilder wie eine Klammer Videografiken: Lichtnetze formen mal eine Menschengestalt, mal Atons neue Stadt (dass einmal unschwer das Dortmunder Stadion erkennbar wird, geschenkt). Die Botschaft: Alles ist verbunden. Das Gestern rückt dem Heute nah.

Spota zeigt prächtig gewandete Gestalten vor düsterem Hintergrund. Die Bühne bleibt dunkel (ebenso wie für die Kostüme ist Tatyana van Walsum verantwortlich). Viel plissierte Stoffe, viel Gold. Auch die Gestik bleibt statisch: flache Hände und zweidimensionale Posen erinnern an ägyptische Reliefs. Die Möglichkeiten der fahrbaren Bühne werden umfassend genutzt, um Ebenen zu schaffen – ebenfalls wie in Reliefs. Ein Lichtkreis skizziert die Sonne, Atons Symbol. Lichter, von den Tänzern bewegt, begleiten Echnaton.

Der Statik der Sänger stellt Spota das NRW-Juniorballett gegenüber. Aufgabe der Tänzer ist, das Geschehen in Text und Musik durch Bewegung erlebbar zu machen. Das gelingt wunderbar während des Duetts, als immer neue Paare zu den beiden Sängern stoßen und dem Gefühl, das Echnaton und Nofretete füreinander hegen, sinnliche Dimension verleihen. Als der Hohe Priester des Amun (Fritz Steinbacher) gestürzt wird, vollziehen sich allerdings zwischen den Tänzern Kampfszenen, die keine eigenständige Bedeutung entfachen, sondern für etwas Bewegung in der langen Szene sorgen. Oft werden die Tänzer einfach eingesetzt, um Textstellen zu verbildlichen, etwa als Echnaton die Priester unterwirft und die Gruppe als seine verlängerte Peitsche durch den Raum schwingt. Hier wirkt die Inszenierung ambitioniert, aber unfertig. Auch muss noch an der Synchronizität gearbeitet werden. Und der Tanz als eigenständige Kunstform besser zur Geltung kommen – denn darin liegt die große Chance spartenübergreifender Arbeiten.

7., 9., 20., 21., 22., 29.6.

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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