Das Gewandhausorchester mit Riccardo Chailly in Dortmund

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Durchgeformte Klangkunst: Riccardo Chailly dirigierte das Gewandhausorchester Leipzig im Konzerthaus Dortmund.

Von Edda Breski DORTMUND - Mit einem solchen Programm kann nicht viel schiefgehen: Die Violinkonzerte von Tschaikowsky und Mendelssohn-Bartholdy hatte der Geiger Julian Rachlin auf seiner soeben beendeten Tournee mit dem Gewandhausorchester im Gepäck, zwei Schlachtschiffe des Violinrepertoires, etablierte Publikumslieblinge.

Dazu brachte Chefdirigent Riccardo Chailly die erste Sinfonie von Mahler und Rachmaninows Zweite mit. Am Wochenende waren im Konzerthaus in Dortmund die Koppelungen Mendelssohn – Mahler und Tschaikowsky – Rachmaninow zu hören.

Spannend war am Samstag nicht die Werkkombination, sondern die Begegnung der Musizierstile. Rachlin ist ein romantischer Geiger im besten Sinn. Er denkt Ausdruck und Effekt zusammen. Sein Tschaikowsky war Bravournummer und Gefühlsausdruck gemeinsam. Er bevorzugte durchweg breite, in der Kadenz und im Finale grobe und schwere Striche. Durch Temporückungen und Verzögerungen betonte er Verzierungen, behielt aber die Linie bei. Er pflegte einen silbrigen Ton, der ins Cremige wechseln konnte, und nahm Unsauberkeiten in Kauf wie einen heftigen Schlag auf den Geigenkorpus beim Einsatz für den Schlusssatz.

Chailly dagegen setzte auf ein Prinzip der kontrollierten Explosion. Die Linien durften frei schwingen, wurden aber durch eine feine dynamische und rhythmische Steuerung unter Kontrolle gehalten. Rachlins romantischem Subjektivismus setzte er klanglich fein gestaffelte Orchesterausbrüche entgegen. Auch als Rachlin nach dem ersten Ausbruch des Hauptthemas im ersten Satz das Thema herausnahm und den Fokus auf die Geige legte, als sei sie allein im Raum, gewann Chailly die Spannung wieder zurück: durch einen zweiten kontrollierten Ausbruch mit einem wunderbaren variierten Klang, der den ausgezeichneten Holzbläsern mehr Einfluss gab.

Auch in der Canzonetta, die Rachlin mit schönem Ton und emotional aufgeladenen Kantilenen bestritt, war eher das Orchester für spannende Details zuständig. Der verschleierte Klang, mit dem das Ensemble die Soloausflüge begleitet, verhüllte hier kaum eine unterschwellige Spannung. Im Finalsatz führte Rachlin eine Art Action-Painting vor, brachte das Tanzthema wie wütende Pinselstriche auf Leinwand. Auch in der Zugabe zeigte er expressionistische Leidenschaft: Die „Ballade“ aus Ysayes dritter Violinsonate klang fast überzeugender als das Vorhergegangene, weil feinfühliger musiziert.

Den russischen Abend setzte Chailly mit der zweiten Sinfonie von Rachmaninow fort. Er ging das Riesenwerk mit gestrafften Tempi und einem vor allem im ersten Satz episodischen Ansatz an. Das prominente Wellenthema fasste er als Serie von immer dunkler werdenden Variationen auf. Gleichzeitig begriff er die immer wieder auftauchenden Themen als fortlaufende Handlungsstränge und orientierte sich damit an der Analogie zum großformatigen russischen Roman. Den emotionalen Ausstrom des Adagios formte er gelassen aus, dem Schlusssatz gewann er immer wieder reflexive Momente ab.

Obwohl der Klang in der Breite kompakt bis gediegen werden konnte, wirkte er insgesamt luftig, weil Chailly auf kleinste Ausformungen achtete und Phrasen bis in die Details hinein durchhörbar machte. Besondere Freude machten wieder das ausgesprochen wache Holz und die Hörner, die den ganzen Abend über delikat vorgingen, vom differenzierten Ansatz beim Tschaikowsky an.

Quelle: wa.de

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