Gesamtkunstwerk von Kay Voges in Dortmund: „Die Borderline Prozession“

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Alles geschieht simultan in der „Borderline Prozession“ in Dortmund.

DORTMUND - Alles geschieht gleichzeitig, und man weiß nicht, wohin man zuerst blicken soll. In der Küche schmiert sich Andreas Beck ein Brot und verspeist es. Daneben verhaut eine Mutter ihren Sohn. Im Schlafzimmer liegt ein Paar zärtlich beieinander. Eine Frau duscht. In einem Schaufenster posiert ein Mann im Stringtanga. Bürgerliche Normalität wird im Dortmunder Megastore zum Sehereignis. In seiner monumentalen Produktion „Die Borderline Prozession“ macht Kay Voges den Zuschauer zuerst zum Voyeur.

Nichts weniger als ein Abbild der Welt versucht der Schauspielchef zu bieten, eine Reflexion der Gegenwart in einem Theaterereignis, das zum Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Musik, Film, Raumkunst und Ritual strebt. Schon die großartige Produktion „Das Goldene Zeitalter“ im Schauspielhaus arbeitete mit diesen Mitteln, übersetzte Alltag in ein Mosaik mal witziger, mal zarter, mal brutaler Szenen. In der Ausweichspielstätte übertrumpft er das noch einmal, schon weil er hier einen Raum hat, der nicht den Beschränkungen der Theaterarchitektur unterliegt. Und wo im wirklichen Leben Multitasking gefordert ist, wo aus allen Kanälen Informationen auf den Menschen einströmen, so entfesselt Voges hier eine Bild-, Klang- und Textflut.

In die große Halle hat Michael Sieberock-Serafimowitsch ein Haus gebaut mit gutbürgerlichen Räumen. Die Zuschauer sitzen an den Längsseiten, haben Einblick in einige Räume, aber nicht alle. Was ihnen entgeht, zeigen die Großbildschirme über der Szene. Sie können aber auch ihre Position und damit ihre Perspektive wechseln, wozu sie zwischenzeitlich aufgefordert werden.

Der Titel spielt mit Mehrdeutigkeit. Die Grenzlinie kann man eher philosophisch auffassen, aber auch recht konkret. Dieses Stück meint auch die Situation in Europa. Das Haus hat an der Rückseite einen Zaun, der sich nur den Bewohnern öffnet. Sie genießen eine Normalität. Die anderen werden, notfalls mit Gewalt, zurückgehalten. Aber das Stück meint mehr als nur die Migrationsproblematik. Mehrfach sieht man, dass Idylle und Katastrophe direkt nebeneinander liegen. Manchmal fühlt man sich wie in einem Seminar für Wahrnehmungsphilosophie, übersetzt in ein prachtvolles Schauspiel.

23 Akteure umschreiten wirklich in einer Prozession das Haus. Sie folgen keinem heiligen Kasten, sondern der Kamera, die das Geschehen mit stoischer Gleichmütigkeit in den Live-Film überträgt. Voran zieht der Dolly Grip langsam das Wägelchen mit dem Kameramann. Ernst geht es zu wie bei einem Karfreitagsgang, und sie singen als Chor um Beistand, dass ihnen jemand Worte gebe. Nach und nach verteilen sie sich in die Räume. Oder sie schließen sich wieder an. Als ob das nicht schon genug Überforderung für einen Betrachter wäre, sprechen einige Darsteller Zitate zum Beispiel von Deleuze, Nietzsche, Hegel, Genet. Aber es werden auch historische Texte eingespielt wie Brechts Gedicht an die Nachgeborenen: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“ Und die Kriegserklärung des französischen Präsidenten Hollande an die Terroristen nach dem Anschlag von Paris. Und die Ansichten der AfD, die in der Kultur das Deutschtum fördern will. Es läuft ein Soundtrack von Britney Spears über Philip Glass bis zu Mahlers „Auferstehungssinfonie“.

In drei Abschnitte ist der Abend aufgeteilt, vielleicht der Hegelschen Dialektik geschuldet, die über Satz und Gegensatz zur Synthese findet. So beginnt man im „Es ist, wie es ist“, geht über zur „Crisis“ und schließt mit „Einsturz – Traum – Aufhebung“. Einen Handlungsbogen oder Dialoge gibt es nicht. Und doch geschieht so viel. Man muss es nur sehen und einordnen. Da wird eine Frau, die versucht, über den Zaun zu kommen, von Soldaten zurückgeworfen und dann quälend lange in einem Auto vergewaltigt, an dessen Lenkrad ein Priester sitzt, der nichts bemerkt. An der Bushaltestelle bändelt ein Paar an und hat wilden Sex auf der Bank, und ein Wartender schaut bemüht beiseite. Eine Meerjungfrau sitzt lächelnd auf der Kante des Whirlpools. Ein Astronom schaut durch das Teleskop und verpasst die irdische Wirklichkeit.

Voges läuft mit der Kamera und arrangiert einen Bilderrausch, bei dem alles im Moment geschieht, nichts aus der Konserve kommt, selbst die geisterhaften Momente, bei denen auf dem Bildschirm Aufnahmen von vor fünf Minuten eingeblendet werden, so dass Menschen sich verdoppeln oder verdreifachen. Und so finster die gegenwärtigen Zustände gezeichnet werden, bietet der Abend doch auch Momente des Trostes und der Leichtigkeit. Eva Verena Müller schreitet engelhaft durch die Szene, stets auf Höhe der Kamera, und gibt jedem Trauernden, jedem Gequälten, jedem Schlafendem eine Liebkosung: „Alles ist schön“. Zum Ende hin nehmen Lebenslust und Frechheit in einem Dutzend Mädchen in Schuluniformen Gestalt an, während Uwe Rohbeck als Napoleon das Lolita-Manifest Jonathan Meeses vorträgt.

Voges hat sein Totaltheater perfektioniert. Was hier geschieht, ist aufregend, überraschend und frisch. Die „Borderline Prozession“ hat viele Zuschauer verdient. Und es wäre zu schade, wenn es für sie nur eine Spielzeit gäbe.

22., 28.4., 8., 14., 29.5.,

Tel. 0231 / 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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