Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ am Schauspiel Bochum

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Ausbeuter mit menschlichen Seiten: Dietmar Bär und Xenia Snagowski in „Vor Sonnenaufgang“ in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Ächzend hat sich Bauer Krause in den Stuhl fallen lassen. Jetzt hat er das Portemonnaie geöffnet. Er klimpert mit den Münzen und lockt Helene. Als die junge Frau, seine Tochter, näherkommt, zerrt er sie auf seinen Schoß, befummelt sie, wirft sich über sie. Hemmungslos ohnehin, aber vom Suff noch mehr enthemmt.

Anselm Weber lässt in seiner Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Sozialdrama „Vor Sonnenaufgang“ am Schauspielhaus Bochum keine Unklarheit, wie weit Bauer Krause geht. Da hilft auch die Luxusfassade nicht: Diese Familie ist verrottet bis ins Mark. In dieser visuellen Deutlichkeit nähert der Regisseur das 1889 uraufgeführte Erstlingswerk des Autors zeitgenössischen Sozialdramen an. Und auch im brutalen Ende spitzt er Hauptmann noch einmal zu, ohne die Textvorgaben zu überdehnen.

Welten treffen aufeinander in Witzendorf. Die neureichen Bauern schwelgen in Hummer, Austern und Champagner. Die schlesischen Bergleute verrecken in den Stollen. Zwischen die Fronten gerät der sozialdemokratisch engagierte Volkswirtschaftler Loth. Er ging ausgerechnet mit dem Ingenieur Hoffmann zur Schule, der in die Familie Krause eingeheiratet hat und mit den Lizenzen zum Kohleabbau sein Vermögen erwarb. Von der geplanten Studie über die Lebensbedingungen der Bergleute fühlt Hoffmann sich bedroht. Und da ist noch Hoffmanns Schwägerin Helene, Krauses begrapschte Tochter, in die sich Loth verliebt. Aber hier ist kein Glück zu finden. Blut, Tod und Verzweiflung stehen am Ende dieses wuchtigen Dramas. Schlesien mag fern liegen, und nicht ohne Grund tilgt Weber den Dialekt, aber die Bezüge zum Revier sind offensichtlich.

In Bochum stehen prominente Gäste auf der Bühne. Dietmar Bär, Kommissar Freddy Schenk im Kölner „Tatort“, spielt den Hoffmann, Claus Dieter Clausnitzer, der taxifahrende Vater des „Tatort“-Kommissars in Münster, den Bauern Krause. Aber die Promis fügen sich ohne Allüren ins starke Ensemble.

Bei Weber sind Krause und seine zweite Frau noch etwas brutaler, haben noch etwas weniger Manieren angenommen. Clausnitzer entwickelt in den wenigen Auftritten eine erschreckende Präsenz, seine Lockgesten deuten eine eklige Routine an. Und auch Nichtvegetarier schaudert es, wenn Frau Krause fragt, ob der Hummer ordentlich gezappelt habe im Kochtopf, weil er nur dann schmecke. Katharina Linder trampelt als dauerbeschickerte Cholerikerin durch das transparente Plastikzelt über dem Hummerbüffet. Hier geschieht alles vor aller Augen – und es wird nichts verhindert (Bühne: Alex Harb).

Während Weber das Umfeld vergröbert, darf Dietmar Bär den Ingenieur vermenschlichen. Ihm glaubt man die Treuherzigkeit, wenn er seinem Freund den Hunderter in die Hand drückt, ihm sogar politische Aufrichtigkeit bescheinigt. Trotzdem baggert er rücksichtslos seine Schwägerin an, während seine Frau in den Wehen liegt. So entwickelt er eine Widersprüchlichkeit, die die Figur interessanter macht als den verheuchelten Ausbeuter von Hauptmanns Text.

Ähnlich ambivalent legt Matthias Redlhammer den Loth an, der geradezu kindlich spröde mit Helene singt: „Du, du liegst mir am Herzen...“ Aber dann ist er doch wieder der beinharte Klassenkämpfer, der demonstrativ den Hummer verweigert und mit dem Taschenmesser einen Apfel schält. Ebenso beeindruckend zeigt Xenia Snagowski, wie die Liebe das verhuschte späte Mädchen zur Frau aufbaut, die zu ihren Prinzipien steht.

In dem inzestuös-apokalyptischen Mahlstrom gönnt Weber uns heitere Momente, sei es in den Küssen des Paars, sei es im Running Gag, dass die Akteure reihum die Musiker um Oliver Siegel auffordern, doch endlich etwas Fröhliches zu spielen. Großer Beifall.ORTSMARKE –

Das Stück

In der Handlung zugespitzt, in den Charakteren differenziert: Hauptmanns Sozialdrama Vor Sonnenaufgang am Schauspielhaus Bochum.

27.5., 9., 13., 20.6., 1.7.;

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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