Gerhard Henschel schreibt im „Bildungsroman“ über die eigene Biografie

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Gerhard Henschel

Von Ralf Stiftel Martin Schlosser hat einen Ferienjob auf einem Campingplatz auf Borkum angetreten – und teilt sich eine Unterkunft mit Winni. Seinen Kollegen malt er mit Worten so: „Zum Nasebohren benutzte Winni in loser Reihenfolge den Zeigefinger, den Mittelfinger, den Ringfinger und den kleinen Finger seiner linken Hand. Die rechte brauchte er fürs Kraulen seiner Sackratten.“ Für weniger anschauliche Prosa ist man danach verloren. Gleich hat der Leser von Gerhard Henschels „Bildungsroman“ diesen jungen Proleten vor Augen.

Und nach den folgenden Sätzen unverlierbar im Ohr: „Meine erste Freundin, doh, die war so spitz! So geilmäßig spitzengeil is’ die gewesen! Aber hier so auf’m Platz, ey, Mann, die Weiber hier, und dann so, ey, die Typen hier, und dann die Weiber – oder einmal so, gäh, ich am Klo so die Rollen am Einsetzen, ey, und da kommt voll ‘ne Alte auf mich zu, ey, voll die Brüste – woooah! Voll nackt so, ey, und ich, ey, ich zu der so hingekuckt, und sie so, ey, die kuckt mich an, und ich so, ey, hier voll vor dieser Alten, ey!“ Welch ein Kulturschock für einen jungen Studenten. Der fragt sich: „Wie sollte ich es fünf Wochen lang mit dieser Nervensäge aushalten?“

Der Leser wiederum hält es gut aus mit Henschel. Dies ist der fünfte Roman, in dem der 1962 geborene Autor das Aufwachsen seines alter ego Martin Schlosser beschreibt. Es beginnt in Bielefeld, Anfang Februar 1983. Die Methode ist geblieben: Ein steter Fluss der Erinnerungen, einer Mischung aus Tagebuch und Bewusstseinsstrom, in dem der Alltag des jungen Mannes aus der Provinz genau festgehalten wird. Kurze Absätze, die jede Reise per Anhalter, jede Heimkehr ins Elternhaus in Meppen samt Wannenbad mit Bier, viele Briefe seiner vielen Brieffreundinnen, Zeitungslektüre, Kinobesuche festhalten.

Den Titel sollte man wörtlich auffassen, auch wenn das, was man landläufig unter Bildung versteht, eher beiläufig abgehandelt wird. Wenn Schlosser von der Uni berichtet, geht es meistens um ein Mädchen, das er attraktiv findet. Bildung vollzieht sich in aller Subjektivität. Martin Schlosser erschließt sich einen alternativen Kanon durch Hörensagen, Dozenten, die ihm sympathisch sind, Zeitschriften wie das Satiremagazin „Titanic“, von Eckhard Henscheid bis Klaus Theweleit. Zum Beispiel weist der Germanist Jörg Drews auf Arno Schmidt hin. Ein Erweckungserlebnis: „Mein Gott, war das gut! Weshalb hatte man von diesem Autor in der Schule nichts gehört? Man war mit Böll und Grass und Frisch und Dürrenmatt und Enzensberger abgefüttert worden, den größten Langweilern des Erdenrunds...“ Später besucht er einen Literaturkursus bei Walter Kempowski, der eine weitere Leitfigur wird. Henschel hat über Kempowski eine Biografie geschrieben. Auch seine quasi dokumentarische Schreibweise verdankt dem älteren Kollegen viel.

Man sollte sich jedoch nicht täuschen lassen: Das Buch ist zwar durchgängig in einem distanzlosen Tagebuchton gehalten. Und gewiss trägt Schlosser sehr viele Züge von Henschel. Trotzdem ist der Ich-Erzähler dieses Romans ebenfalls eine literarische Figur, das detaillierteste, porentiefste, genaueste Porträt, aber eben nicht das Sprachrohr des Autors. Er ist in aller Naivität auf dem Stand der frühen 1980er Jahre. Seine Urteile über Herbert Achternbusch, die CDU, Aids, die Nachrüstung geben ein präzises Zeitkolorit, gerade in ihrer Unbedarftheit. Es sagt eine Menge aus, wenn Martin Schlosser als 21-jähriger Mann seine Eltern „Mama“ und „Papa“ nennt. Wenn er für Dylan und Cohen schwärmt und ihre Songs als Kommentar einsetzt, wenn er Katja, Corinna, Andrea anhimmelt. Wenn er alles kommentiert, den „Zauberberg“ („Gewäsch“) ebenso wie Omas Ahnungslosigkeit bei ökonomischen Interessenverflechtungen. Selbst an Gudruns Briefen moniert er den übermäßigen Gebrauch von „total“ und „unheimlich“. Dieser Martin ist ein Klugscheißer. Henschel spricht das nicht aus, aber seine Porträtkunst macht das sichtbar.

Es passiert nicht viel Weltbewegendes. Aber es ist viel Leben festgehalten. Manches liest sich doch abenteuerlich. Das Experiment mit dem monatelang gelagerten Ei. Wie Martin beim Trampen nachts im Ruhrgebiet strandet und nach Münster wandert. Die Sauftour mit Hermann durch die Kanalisation von Göttingen. Und dann und wann eine wunderbare Milieuzeichnung wie die: „Bielefeld: regnerisch. Wohngemeinschaft: leblos. Küche: Abwasch. Mülleimer: voll. Gott: tot. Brot: hart. Klopapier: alle. Badewanne: Schmutzrand. Fingernägel: ungeschnitten.“

Gerhard Henschel: Bildungsroman. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg. 573 S., 24,99 Euro

Quelle: wa.de

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