Gergiev und die Londoner Sinfoniker in Dortmund

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Valery Gergiev dirigiert Débussy und Strawinsky im Konzerthaus Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Er gilt als Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann: Valery Gergiev, russischer Pultstar, musikalischer Hans Dampf in allen Gassen, Gründer und Leiter von nicht weniger als sechs Festivals in drei Ländern, Chef dreier großer Orchester, kann ungeheuer aufgeladene Aufführungen dirigieren – aber auch nachlässig uninspirierte. Man weiß nur nie, was kommt. Mit einem „seiner“ Orchester war er nun im Konzerthaus Dortmund zu Gast. Mit dem London Symphony Orchestra russifizierte er Debussy.

Schwer, sinnlich und mit einem Zug ins Weite ist sein „Après-midi d‘un faune“ (1894), noch mehr sein „La mer“ (1905). Strukturell arbeitet er weniger analytisch als impulsiv. Zwar dynamisch differenziert, gibt er dem Märchenzauber, den die Streicherpartien entfalten können, voll nach. Wenn auch zwischendurch einiges nach Routine klingt, so ist doch der Effekt da. Träge schwebt sein „Faun“ durch die Märchenwelt. Der Soloflötist spielt seine Partie wie einen ersterbenden Hauch, mit beeindruckender Kontrolle und wunderbarem Tonfall.

„La mer“ leidet ein wenig unter dem Klang-Ansturm der Riesenbesetzung. Gergiev hat seine Kontrabässe hinter den ersten Violinen aufstellen lassen, das gibt gemeinsam mit den Celli klangliches Übergewicht. Die zweite „sinfonische Skizze“ ist Sog und Wirbel und schiere, glitzernde Klangflut. Ein lautmalerisches Stück Musik. Gergiev macht seinem Ruf als dirigentischer Vulkan alle Ehre und führt die dritte Skizze durch verhohlene Spannung zu einem eruptiven Finale. Auffallend ist, dass er den Londonern in den drei Jahren, seit er ihren Chefposten übernahm, einiges an russischer Spielkultur nahegebracht hat – zu hören besonders im scharfen, rauen Blech, aber auch im zupackenden Gesamtklang.

Es folgt russisches Repertoire: Strawinskys Ballett „Der Feuervogel“, ein Stück, bei dessen dramatischer und rhythmischer Anlage Gergiev ganz zuhause ist. Immerhin ist er seit 22 Jahren Chef des Mariinsky-Theaters und übt eiserne Kontrolle auf Opernensemble und Ballettcompagnie aus – zumal seine Schwester Larisa die Gesangsausbildung unter sich hat.

Die hin- und herspielende Motivik zu Beginn des Feuervogels (1910) hat sich Strawinsky von dem Franzosen Debussy abgeschaut, interpretatorisch macht Gergiev hier denn auch wenig Unterschied. Es folgt eine Serie exquisiter Details: Soli, denen Gergiev ein Verströmen ins Unendliche abverlangt, Pianopassagen wie durch Nebelschleier gespielt. Dem gegenüber setzt Gergiev die Gewalt der Tutti-Ausbrüche, die er an die Dezibel-Schmerzgrenze treibt, die aufpeitschende Rhythmik des Höllentanzes und von Kastscheïs Tod. Das Märchen überhitzt, mit einem Aufschrei bricht alles zusammen. Aus den Streichern baut sich pianissimo das letzte, hoffnungsvolle Tableau auf.

Wer dermaßen auf Hochspannung setzt, läuft ein hohes Risiko, je nach Güte des Orchesters und Konzentration des Dirigenten. Gergiev bereitet Höhepunkte mit solchem Anlaufsog vor, dass ihm gelegentlich alles auseinanderzulaufen droht: so im „Feuervogel“-Finale und kurz vor dem triumphalen Ende der Zugabe, Prokofjews „Tanz der Ritter“ aus „Romeo und Julia“, von Gergiev mit schwarzer Dramatik und schwerem Rhythmus dirigiert – effektvoll, aber nachlässiger, als von einem Dirigenten seines Ranges zu erwarten.

Quelle: wa.de

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