Gerburg Jahnke verjuxt im Musical „49 ½ Shades“ einen Sex-Bestseller

+
Wenn die Innere Göttin erscheint, sext und juxt es sich viel entspannter: Szene aus „49 ½ Shades“ mit Dustin Smailes, Kira Primke, Ines Martinez und Sabine Urig (von links).

Von Carmen Möller-Sendler DÜSSELDORF -  Fiebrige Hausfrauen, die zwischen Suppentopf und Windeleimer mit hochroten Köpfen ein paar schnelle Romanzeilen im Stehen verschlingen – genau dieses Klischee greift in Düsseldorf die Musical-Parodie des Roman-Bestsellers „50 Shades Of Grey“ auf: Drei frustrierte Leseklub-Damen entdecken die sadomasochistische Welt des Millionärs Christian Grey und seiner Gespielin Anastasia – mit lustvollen Konsequenzen für sich selbst.

„Wir befehlen Ihnen, Ihr Handy auszuschalten. Ungehorsam wird von Herrn Grey höchstpersönlich bestraft. Wir wünschen Ihnen einen befriedigenden Abend.“ Die Ansage verspricht viel. Danach wird das Orchester unter begeistertem Johlen des Publikums von drei in sehr wenig schwarzes Leder gekleideten Hundeführerinnen peitscheknallend an die Instrumente getrieben.

Wer nun denkt, dass die Form der Parodie als Deckmäntelchen dient, um erotische Inhalte, gar die düstere SM-Atmosphäre der Romanvorlage auf die Bühne zu bringen, der wird ebenso enttäuscht wie jene, die sich von „49 ½ Shades“ eine kluge Demontage des SM-Hypes erhofft hatten. Vermutlich ist dies der amerikanischen Vorlage geschuldet, die die Kabarettistin Gerburg Jahnke („Missfits“) auf die Bühne des Düsseldorfer Capitol-Theaters bringt. Man weiß ja, dass Amis in Sachen Sex keinen Spaß verstehen. So haben sie es geschafft, der Romanvorlage den letzten Anflug von Erotik auszutreiben. Was bleibt, sind kindische Späßchen, die das Team um Jahnke aber mit Schwung und Komik auf die Bühne bringt.

Die Szene ist ausgestattet mit dem riesigen Lese-Sofa der Buchklub-Damen. Die Rückseite des als Mini-Drehbühne gestalteten Sitzmöbels (Bühne: Tom Presting) bildet ein noch riesigeres Bett, und wenn es darin zur Sache gehen soll – Roman- und Leseklubszenen wechseln sich ab – trampeln die sofasitzenden Buchklub-Damen schon mal ungeduldig die Drehung mit, damit es schneller weitergeht. Nötig haben sie’s: Die muttihafte Sabine (Sabine Urig) ist mit einem primitiven Kerl verheiratet, der ihr Einsichten wie diese beschert hat: „Männer? Die kennen nur zwei Arten von Wäsche: Dreckig – und dreckig, aber noch tragbar!“ Die flotte Jutta (Ines Martinez) hat gerade einen langweiligen Mann abgelegt und amüsiert sich bestens mit vielen anderen. Die biedere Susanne (Kira Primke) mit der schwachen Blase, der beim Ritt auf der schleudernden Waschmaschine schon mal was daneben geht, wurde gerade verlassen. Beste Voraussetzungen für alle drei, die fortschreitende Beziehung zwischen Anastasia (Beatrice Reece) und Christian (André Haedicke) atemlos zu verschlingen und schließlich hautnah mitzuerleben.

Den Grey gibt Haedicke, einen halben Kopf kleiner als sie, vierschrötig und nichtssagend, prahlerisch, platt und sehr mutig: Es gehört schon ein gutes Stück Selbstverleugnung dazu, in fragwürdiger Wäsche wie eine Raupe über die Bühne zu robben. Reece spielt Anastasia – ein romantisches, dickes Mädchen, ebenso willig wie naiv – erfrischend natürlich. Eine göttliche Stimme! Vermutlich ist es genau das Klischee vom naiven Dickerchen, das so viele Frauen mit versteinerten Gesichtern in den Plüschsitzen hocken lässt, bis – Erlösung! – genau dieses Dickerchen sich freimacht von mentalen wie metallenen Fesseln.

Einfach genial ist die Idee, aus der Inneren Göttin der Romanheldin eine eigene Figur zu machen (Dustin Smailes), die im tief dekolletierten Goldlamé-Kleid, mit Dreitagebart und Gottschalk-Mähne, im Off über die Bühne stakst und sich über die kopulative Unterversorgung beschwert.

Kopulationsszenen finden in erster Linie unter der Bettdecke statt, einmal als akrobatisches Schattenspiel, bei dem einer kopfunter zappelnden Frauenfigur per Riesentrichter merkwürdige Dinge einverleibt werden.

Charakteristisch für die Inszenierung ist ihre eigene Mischung aus Anzüglichkeit, Klamauk und Romantik, die aus jeder Szene einen Kracher macht. Höhepunkt freilich ist die, in der Christian in höchsten Tönen sein liebstes Hobby besingt, während ein Haufen erwachsener Leute „Ficken, ficken!“ im Chor skandiert, eine Parade von drei übermannsgroßen, pinken Plüschpimmeln im Takt über die Bühne marschiert.

Fremdschämer und Frauenbewegte werden sich schwer tun. Alle anderen werden einen fröhlichen Abend verbringen, der nicht nur ihrem Beckenboden wahre Wunder tut.

„49 ½ Shades“ im Capitol-Theater Düsseldorf. Bis 23.3. täglich, Tel. 0211 / 73 44 150,

www.capitol-theater.de

Anschließend geht das Musical auf Tournee durch Zürich, Hamburg, Berlin, Bremen

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare