Das Gemeentemuseum Den Haag zeigt den US-Maler Mark Rothko

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Die Farbe allein ist Thema in Mark Rothkos Malerei: Untitled (1949), zu sehen in Den Haag.

Von Ralf Stiftel DEN HAAG - Mehr Rot geht kaum. Man steht vor „Untitled“ (1970) und wird überschwemmt von Farbe. Nach und nach sieht man, dass Mark Rothko an der fast mannshohen, nicht ganz quadratischen Leinwand lange gearbeitet hat. Man trennt unterschiedliche Rots, das etwas hellere zum Beispiel, das so etwas wie einen Rahmen, einen Grund bildet. Darauf liegen zwei querformatige Wolken, fast rechteckig, von denen die obere sich nach innen aufhellt. Und zwischen ihnen gibt es einen schmalen Doppelstreifen von Weiß.

Das Gemälde bildet den Abschluss der Ausstellung im Gemeentemuseum Den Haag. Hier stehen Besucher Schlange bis auf die Straße – um die abstrakten Werke des US-Malers zu sehen. Wenige seiner Bilder hängen in europäischen Sammlungen. Die prägnante Werkschau ist eine Chance, die man nutzen sollte. Das Gemeentemuseum arbeitet mit der National Gallery of Art zusammen. Das Institut in Washington hat zahlreiche Werke von der Rothko Foundation geschenkt bekommen. So hat man in der holländischen Metropole einen umfassenden Blick auf das Schaffen von den gegenständlichen Anfängen bis zu „Untitled“ (1970) mit rund 50 Werken.

Das rote Bild ist das letzte, das er vor seinem Selbstmord malte. Am 25. Februar wurde er mit aufgeschnittenen Pulsadern im Atelier gefunden. Er war 70 Jahre alt. Man könnte vor diesem mächtigen roten Gewölk anfangen zu spekulieren: Hat er darin sein Ende vorweggenommen? Eigentlich malte er in seinen letzten Jahren sehr dunkle Bilder, in den Schwarz, Grau und Braun dominieren. In Den Haag bleibt das offen, und das ist auch gut so.

Stattdessen erlaubt sich das Gemeentemuseum eine andere Pointe. Rothkos Schlusswort hängt in einem Saal parallel zu Werken von Piet Mondrian, und „Untitled“ ist direkt neben dem letzten Werk des niederländischen Malers, „Victory Boogie Woogie“ (1944). Das ist ein auf die Spitze gestelltes Quadrat, längst nicht so minimalistisch wie seine bekanntesten Werke, unterteilt in kleine Rechtecke in den Primärfarben. Es entsteht eine Art Rasterung, die einen denken lässt, dass die Farben tanzen. Es ist eine Begegnung der Generationen. Und für Rothko war Mondrian durchaus eine Inspirationsquelle, zumal der Niederländer seine letzten Lebensjahre im Exil in New York verbrachte.

Marcus Rothkowitz, geboren 1903 im damals russischen, heute lettischen Dwinsk (Daugavpils), kam als Kind in die USA. Er wurde erst 1938 eingebürgert, nannte sich ab 1940 Mark Rothko. Er wandte sich früh der Kunst zu, arbeitete als Lehrer. Die Bilder aus den 1930er Jahren sind noch figurativ, mit Einflüssen vor allem europäischer Künstler von Max Ernst bis Giorgio de Chirico. Da ist eine bauchige Vase mit Blumen in erdigen Farben (1937/38), die sich sehr abhebt von der „Underground Fantasy“ (ca. 1940), einem Blick auf den Bahnsteig, wo gelängte Passanten warten. In den frühen 1940er Jahren befasste er sich mit antiken Mythen, wobei er immer mehr abstrahiert. In „Antigone“ (ca. 1941) ist eine Personengruppe zu sehen, deren Köpfe und Figuren ineinander übergehen.

Dann gab er die Gegenständlichkeit auf. Das „Aquatic Drama“ (1946) besteht aus Schemen, denen man noch Figuren unterschieben kann. Aber das ist bereits Interpretation. Die Bilder verlieren nun die Konturen, immer eigenmächtiger wird die Farbe. Auf „Nr. 10“ (1948) meint man, eine menschliche Figur zu sehen, aber natürlich sind hier längst nur noch Farbfelder übereinander gelegt.

Dann kommt Rothkos „Classic Style“: Große Leinwände, die er vor allem in horizontale Flächen unterteilt, ohne harte Konturen, vielfach übermalt, so dass jedes Rot, Gelb, Grün als geheimnisvoll abgründige Wolke daherkommt. Unter dem Lila liegen viele andere Töne, mal blitzt ein schmaler Streifen Weiß hier, ein Fleckchen Orange da durch. Auf dem Bild „Nr. 8“ (1949) mit seinem Gegenüber von Weiß, Orangerot und eingelagertem Gelb hat man das Prinzip noch nicht in Vollendung, hier sind die Farbstreifen noch unterschiedlich proportioniert, hier hat man auch eine horizontale Bewegung in Form eines schmalen weißen Streifens am linken Rand. Aber das Prinzip, immer neue Schichten übereinander zu legen, erschließt sich besonders gut.

In den Bildern dieser Phase gibt es keine Menschen, Dinge oder Landschaften mehr zu erspüren. Hier ist die Farbe genug für eine Erfahrung. Rothko wollte, dass der Betrachter seinen Bildern begegnet, dass er mit dem Bild verschmilzt. Das Gemeentemuseum hat neben seinen Sälen auch kleine Kabinette, in denen es jeweils ein Bild hängt, um diese Art innerer Sammlung zu ermöglichen.

Rothko war durchaus ein widersprüchlicher Mensch, der oft an Depressionen litt. Einen prestigeträchtigen Auftrag für Wandbilder für das Four Seasons Luxusrestaurant des Seagram Konzerns nahm er 1958 zunächst an. Dann zweifelte er, überlegte sich, die Bilder so zu malen, dass „jedem Arschloch, das in diesen Räumen sitzt“, der Appetit vergeht. Er malte zwar viele große Entwürfe, von denen mehrere in Den Haag zu sehen sind. Die Leinwände in dunklen Erd- und Rottönen deuten Tür- oder Fensterformen an. Vielleicht war man bei Seagram froh, dass er am Ende den Auftrag zurückgab. Die emotionale Wucht haben sich diese Bilder bewahrt, auch wenn man von ihnen nicht getrieben wird, „den Kopf gegen die Wand zu schlagen“, wie Rothko einem Bekannten anvertraute.

Diese Malerei hat aber etwas Erleuchtendes, Epiphanisches. Die Farbe fängt den Blick, und wenn nicht gerade jemand mit seinem Handy knipst, kann man hier im Rot, im Gelb aufgehen. Manchmal wird es dramatisch wie in „Untitled“ (1968), einer eher kleinen Papierarbeit, in der ein gelber Streifen aus tiefem Blau aufblitzt. Sehen wird bei Rothko zur körperlichen Erfahrung.

Mark Rothko im Gemeentemuseum Den Haag.

Bis 1.3., di – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0032/ 70 / 33 81 111, www.gemeentemuseum.nl,

Katalog (nl. mit engl. Übs.) 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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