„Geierabend“ auf der Zeche Zollern in Dortmund: 22. Staffel mit 36 Vorstellungen

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Fragen zu Bier und Hirn: Franziska Mense-Moritz und Martin Eickmann sind „Die Zwei vonne Südtribüne“ auf dem „Geierabend“ in Dortmund. ▪

Von Carmen Möller-Sendler ▪ DORTMUND–Schaurig knarren die Türen, ein Spot irrlichtert durch die voll besetzte Halle der Zeche Zollern, und eine gruselig maskierte Kapelle bahnt sich ihren Weg durchs Publikum: Das Intro „Ein Zombie hing am Glockenseil“ erklang am Donnerstagabend zum Auftakt des ersten Geierabends 2013 – der alternative Ruhrpott-Karneval ist eröffnet.

Der Pott siecht dahin, doch unter der Oberfläche brodelt es: Als Zombies kommen seine Bewohner zurück, und manche sind sogar noch quicklebendig. Etwa die beiden AWO-Oppas, die wissen, wie der Staat noch besser an den Alten sparen kann: „Da wirste nich mehr im AWO-Heim gepflegt, da wirste gleich nach Tschechien ausgelagert!“ Als Alternative käme die lebenslange Kaffeefahrt in Frage, bei der man immer unterwegs ist auch auch keinen eigenen Schlafplatz mehr braucht. „Wir machen Rabatz!“ singen die Rentner und grüßen mit einem launigen „Kommt gut in die Urne!“

Insgesamt 36 Vorstellungen hat die 22. Staffel des Dortmunder Alternativ-Spektakels, das einst von karnevalsmüden Pott-Kleinkunstpromis ins Leben gerufen wurde und bis heute als Garant für karnevalistische Hochkultur gilt: Acht Schauspieler und fünf Musiker stemmen ein gut dreistündiges Geierabend-Programm mit herrlichem Klamauk, das zwar auch mal etwas seichter ist, aber trotzdem beste Unterhaltung. Traditionsgemäß wird hier kollektiv gegeiert – erst trommelt man auf die Tische und wirft dann die Hände in die Luft – und auch der blau-weiße Fußballverein kommt in der Zeche nicht so gut weg.

Für den Pannekopp-Orden – „28 Tonnen Stahlschrott anne Kette“ – nominiert sind Opel-Chef Thomas „Sederan“ für die Modernisierung Bochums („Er hat dafür gesorgt, dass die Zukunft Vergangenheit ist“) und Sascha Hellen für die Förderung demokratischer Kultur im Revier. In der Vorstellung am 12. Februar wird der neue Pannekopp-Träger bekannt gegeben.

Mit von der Partie sind natürlich wieder die bekannten Symbolfiguren. Etwa der Präsi – Markenzeichen: rote Kinderstrumpfhose auf dem Kopf – für den auch mal getuscht wird wie im echten Karneval, oder die Kellnerinnen Lilli und Lotti („Ich hab' soooo'n Hals!“), die über die männliche Beschneidung und die kindliche Trendwende philosophieren. Dann das Rentner-Duo Siegfried und Roy, welch letzterer für seine Trinkhalle auf Umsatzsteigerung durch „Hüppenose“ setzt und die mittels eines baumelnden Radioweckers auch durchzieht: „Da werden Nonnen zu Salafistinnen!“ Joachim Schlendersack aus Schnöttentrop im Sauerland, den „Golan-Höhen des Ruhrgebiets“, bekommt Besuch vom Papst, der auch mal inkognito auf dem Rothaarsteig wandeln möchte, während der Nordstadt-FDP-Vorsitzende Udo und seine hochschwangere Frau Moni das lebendige Beispiel liefern, warum es mit der FDP-Politik einfach nichts werden kann. „Das ganze Leben ist eine einzige Prockelei“ konstatiert die investigative Truppe von „Radio Heimatlos“ und beschwert sich über Dortmunds OB Sierau, der schultertiefe Schlaglöcher zu ignorieren pflegt.

Partnerstadt des Geierabends ist Unna. Man glaubt ja gar nicht, wie viele Ohrwürmer man auf Unna umdichten kann: „No Unna, no cry“, „Unna neue Liebe ist wie ein neues Leben“ und natürlich „Unna, Unna, Unna, täterä!“ sind nur einige davon.

Auch die rechtslastigen Verfassungsschützer bekommen ihr Fett weg, ebenso wie die Gema, die Wirtschaftsförderer der EU oder die Kultur-Subventionen fürs Dortmunder U: „Es wäre besser gewesen, man hätte dort weiter Bier gebraut“, sinniert der Hauer, ein Geierabend-Neuzugang: „Bei 10 Millionen Zuschuss im Jahr hätte man es sogar gratis ausschenken können – in einer Riesen-Performance: Kunstsaufen statt Komasaufen!“ Die zwei vonne Südtribüne („Biere suchen ein Zuhause“) machen sich tiefsinnige Gedanken über das menschliche Gehirn und seine Entwicklung: „Früher saßen wir auf den Bäumen, heute auf der Südtribüne“. Na, das muss begossen werden: „Nehm' wer noch einen? Ja, sichaaa!“

Quelle: wa.de

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