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„Geierabend“ kehrt mit gelungener Show auf die Zeche Zollern in Dortmund zurück

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Von: Achim Lettmann

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Sandra Schmitz (von links), Angelo Enghausen Micaela, Präsident Roman Marczewski, Sebastian Thrun und Silvia Holzhäuser.
Pudelwohl fühlt sich das Team beim „Geierabend“ in Dortmund auf der Bühne im Industriemuseum auf der Zeche Zollern. Sandra Schmitz (von links), Angelo Enghausen Micaela, Präsident Roman Marczewski, Sebastian Thrun und Silvia Holzhäuser. © Bussenius & Reinicke GbR // Ekke

Nach drei Jahren findet der „Geierabend“ wieder auf der Zeche Zollern in Dortmund statt. Das neue Team bietet alte Stärken und unterhält das Premierenpublikum. Sie sind zurück.


Dortmund – Der Klatschmarsch für den Steiger ist ein Ritual, und der Präsident singt mit bluesiger Note „Den ham wa uns verdient“. Recht hat er! Es ist wieder Geierabend auf der Zeche Zollern in Dortmund, und es fühlt sich gut an. Der alternative Karneval, der sich „Keineval“ nennt, ist nach drei Jahren Pandemiekrise wieder auf der großen Bühne im Industriedenkmal. Alles wie immer? Nein, aber irgendwie dann doch. Die Regisseure Björn Jung und Joey Porner setzen auf die Kernkompetenz der „Geier“: bissig sein, anecken, den eigenen Ton setzen und dem Zeitgeist die Stirn bieten. Das siebenköpfige Bühnenteam entwickelt ein rundes Programm, gut getimte Nummern und eine temporeiche Show (Choreografie Claudia Lau). Auch Silvia Holzhäuser und Sebastian Thrun, die Neuen im Team, spielen Alltagsfiguren aus dem Revier-Kosmos, die einen mitnehmen. In der „Altersgeilzeit“ stöckelt Holzhäuser auf einem Bein in die sexuelle Depression. Ein Fitnesstrainer wäre ja nett („da steht der Saft in den Pömps“) oder die Freunde ihres Neffen. Nur zum Opfer von Milf-Jägern lässt sie sich nicht machen. „Schieb ab, fahr nach Haus“, rotzt sie lauthals. Sebastian Thrun steht im Blaumann mit Angelo Enghausen Micaela zusammen, der auch erst seit 2020 dabei ist. Beide sind „die Experten“, die den Stift machen lassen, weil der Meister es will. Der Gabelstapler kippt, die Palette fällt und die Sprühfarben versauen die Lagerhalle. „Uns fragt ja keiner“, so die Besserwisser, die sich über Drahtkassetten mit Schotter mokieren („Gabionen“) und wissen: „Deutschland schottet sich ab.“ Fetzige Blues-Brother-Musik beschwingt die Brüder im Geiste.

Der Soundtrack des „Geierabends“ ist erwartbar rocklastig, schlageraffin, poppig frisch – stimmungsvoll ausgesucht. Die vierköpfige Band in Pütthemden überzeugt mit soliden Arrangements. Nina Mühlmanns ruppige Version von „Du hast den Farbfilm vergessen“ beklagt unseren Konsumstress, wenn die Lieferketten versagen: „Du hast das Frachtschiff vergessen“. Dagegen sorgt Roman Marczewski für Gänsehaut, wenn er Westernhagens „Ich bin wieder hier“ auf die eigene Historie bezieht. Seit 1992 gibt es den Ruhrpottkarneval mit ihm – „im Herzen janz jeck“. Sein Mundharmonika-Intro gehört dazu. Alle beklatschen den Präsidenten. Dagegen ist Murat Kayi nicht mehr im Team. Nach über 20 Jahren will er nur noch als Autor arbeiten.

„Den ham wa uns verdient“ fühlt sich so an, als kommt der „Geierabend“ wieder nach Hause. Steiger Martin Kaysh ordnet trocken analytisch das politische Debakel unserer Zeit. „Früher haben die Grünen noch Kröten über die Straße getragen, heute schlucken sie sie“. Habeck sichert den Energienachschub aus Katar, dem Unrechtsstaat. Und warum nicht für die Wüstensöhne werben, wenn es Schmiergeld gibt, wie es Eva Kaili im EU-Parlament vorgemacht hat: „The best bier für den Emir“. Kaysh ist in Topform. Er lob den Pannekopp-Orden (28 Kilo Stahl) aus, den das Premierenpublikum Claudia Roth umhängen würde. Sie hatte das Bundesinstitut für Fotografie nach Düsseldorf vergeben, obwohl eine Machbarkeitsstudie und eine Expertenjury für Essen plädiert hatten. Egal, „kein Kulturgedöns im Revier“ hatte schon Kaiser Wilhelm II. gesagt. Die Kulturstaatsministerin folgte ihm und belässt es im Revier „bei Biersaufen, arbeitslos sein und Fußball gucken“, weiß der Steiger.

Zeitenwende? Die Koalition bietet Angriffsflächen. Wie die 100 Milliarden Euro in die Rüstung gesteckt werden, erklären drei oliv-grüne Kriegsstrategen, die Minibars in Leopard-Panzer planen und Angst vor Anton Hofreiters Kampfkompetenz haben. Herrlich abstrus auch, wie sich Udo (Martin Kaysh) und Moni (Sandra Schmitz) als FDP-Ortsverein Dortmunder Nordstadt nach Sylt zu Lindners Hochzeit durchschlagen wollen und in Fallingbostel stranden.

Immer wurden auf dem „Geierabend“ auch ganz eigentümliche Seelen porträtiert. Diesmal ist es der Botschafter aus der Partnerstadt Recklinghausen. Angelo Enghausen Micaela bietet Wurststückchen aus der Pralinenschachtel an. Süß-sauer ist sein Abgesang auf die Stadt der Ruhrfestspiele, wo sich Schauspieler aus Hamburg noch immer für Kohle bedanken, die es heute gar nicht mehr gibt.

Großartig ist einmal mehr Sandra Schmitz. Mittlerweile die Grande Dame des „Keinevals“, lässt sie ihre „Jessica“ als alleinerziehende Mutter von vier Kindern Spartipps verbreiten. Alle mal warm duschen? Oma-Besuch im Hospital, auch wenn es nicht die eigene ist. Wie Schmitz gleichzeitig lispelt und rumschnauzt, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Und mit Hund kommt jedes Kind kostenlos ins Freibad zum Hundeschwimmen. Schmitz bringt mit Enghausen Micaela auch den Klassiker „Zwei vonne Süd“ wieder auf Kurs. Bei Nickis Niveau hat Opa im Keller noch Höhenangst („Muss man im englischen Garten Englisch sprechen?). Beide himmeln Jude Bellingham an: „Malocherfußballgott“. Na klar.

Mit Liedern von den Singer-Songwritern aus dem Ruhrgebiet, Boris Gott und David Funke, geht es ins Finale. „Lass uns kiffen, kiffen, kiffen“ ist zum Schunkeln „wer braucht schon Bier, Schnaps und Wein?“ Doch noch ein bisschen Karneval.

Der „Geierabend“ ist zurück. Bei der Zugabe „Dortmund“ nach Petula Clarks „Downtown“ singen alle mit.

Bis 21.2.; insgesamt 29 Vorstellungen; Vorverkaufsstellen Ticketmaster;

www.geierabend.de

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