Geierabend mit Spaß an der Geschmacksgrenze

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Ganz nah am Original: Hans-Peter Krüger gibt beim Dortmunder „Geierabend“ den Bischof Tebartz van Elst.

Von Carmen Möller-Sendler DORTMUND - Was passiert, wenn die NSA einen Kölner Karnevalisten abhört? Noch dazu einen, der im Scheichskostüm für Dreifünfundneunzig von Aldi Sprüche wie „Kölle Allah! Bombenstimmung hier, da springt der Funke über!“ loslässt? Da ist Beerboarding – mit Altbier, versteht sich – das Mindeste.

Es darf wieder gegeiert werden: Erst mit den Händen auf dem Tisch trommeln, dann die Arme in die Luft werfen, eines der Rituale beim Dortmunder „Geierabend“. In der ebenso genialen wie boshaften Veranstaltung, mit der das Theater Fletch Bizzel seit über 20 Jahren die Karnevals-Prunksitzungen mit viel Lokalkolorit auf die Schippe nimmt, kann nichts peinlich sein. Dafür ist alles erlaubt. Auch bei der 23. Auflage mit über 40 Aufführungen in der Dortmunder Zeche Zollern II. Respektlos, politisch absolut unkorrekt und fast immer haarscharf jenseits der Grenze des guten Geschmacks bietet die Crew, erweitert durch Glücksgriff Murat Kayi, unter dem Titel „Späßchen in der Grube“ dreieinhalb Stunden Show mit den großen Themen des Jahres 2013.

Etwa das Flüchtlingsdrama von Lampedusa, die neueste Touristenattraktion. Auch Vater, Mutter und Kind, anstelle der jährlichen Wal-Fahrt diesmal zum „Boat People Watching“ im Mittelmeer unterwegs, zücken begeistert die Kamerahandys: „Die kommen auf uns zugeschwommen und winken! Guck mal, die haben Junge! Haben wir nicht was zu füttern?“

Der Steiger, der durchs Programm führt, hat die Homöopathie für sich entdeckt und schluckt jeden Tag eine andere Sorte Globuli gegen die Ekelanfälle, die Frau von der Leyen bei ihm auslöst. Ebenso wie die Große Koalition: „GroKo – das ist so, wie wenn Schalke und Borussia fusionieren, und dann spielen sie wie Wattenscheid 09.“

Angela Merkel krückt singend zur Neujahrsansprache vorbei, und Tebartz van Elst, der seine Auszeit genutzt und das Neue Testament ein wenig umgeschrieben hat, inszeniert sich als frisch geborener Luxus-Heiland: Viele Anhänger (vorzugsweise mit Edelsteinen) und Jerusalem-Einzug in goldener Sänfte – aber die Kreuzigung zur Errettung der Menschheit? „Das ist mir zu unbequem! Das soll mal der Josef machen, der kommt doch vom Holz!“

Wie immer gibt es zwei Kandidaten für den jährlich vergebenen (und vom Preisträger stets abgelehnten) Pannekopp-Orden – 28,5 Kilo Schrott anne Kette: Gerald Baars vom WDR-Studio Dortmund für den moralischen Südtribünen-Blackout (keine Südtribünen-Bilder mehr im Fernsehen als Strafe für Pyro-Einsätze von dort) und den Verein Schalke 04, der „Beleidigte Leberwurst“ spielte angesichts der Entscheidung des ZDF, lieber Champions League aus Dortmund zu senden. Sieger des Abends, gemessen am Applaus des Publikums, wurde bei der Premiere der WDR. Den Gesamtsieger gibt es erst am Ende der Session.

Partnerstadt des Geierabends ist in diesem Jahr Marl. „Radio Heimatlos“ schaut in die Zukunft der Zeche Auguste Victoria, die 2015 geschlossen wird und bringt die Live-Übertragung aus dem Jahr 50 danach: Gleich wird Kumpel Mario, der sich damals am Flöz festgekettet und geweigert hat den Schacht zu verlassen, ans Tageslicht geholt. Und da ist er auch schon, frisch und jugendlich wie einst, konserviert dank der Kohle, die er da unten gegessen hat – die Zeche ein Jungbrunnen, der natürlich sofort wieder eröffnet wird.

Dem Sachbuch-Bestseller „Schantall, tu ma die Omma winken!“ huldigt die köstliche Spielplatzszene, in der eine hochtoupierte, vierfach allein erziehende Mutter über die neuen veganen Gewohnheiten ihres Ältesten schwadroniert: „Eins sach ich dir, Miles: Alles, was flüchtet, das kann man auch essen!“

bis 4.3., Tel. 0231/14 25 25, www.geierabend.de

Quelle: wa.de

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