Die Gartenkunst des Georg Arends in Wuppertal

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Bewegte Blüten: Papaver nudicaule aus Georg Arends Gärtnerei , fotografiert 1925, zu sehen in Wuppertal ▪

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Endlos scheinen sich die Aussaatschalen aneinanderzureihen, und fast übersieht man den älteren Herrn in der feinen Weste, der sich über die Pflanzen beugt. Georg Arends präsentiert sich auf dem Foto von 1928 als Sammler, der in seinen Schätzen schwelgt. Der Gärtner (1863–1952) aus Wuppertal-Ronsdorf hat Botanik-Geschichte geschrieben. Alle modernen Formen der Primelsorte Obconica gehen auf die Züchtungen zurück, die er von 1887 an kultiviert hatte. 350 neue Sorten hat er gezüchtet.

Aber nicht nur deshalb widmet ihm das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum von Sonntag an eine Ausstellung. Arends war besessen davon, seine Schöpfungen zu dokumentieren, abzubilden, und er hinterließ ein Archiv von rund 1000 Fotonegativen auf Glasplatten, fast 200 Aquarellen von Früchten und Blumen sowie Skizzenbüchern. Diesen Schatz entdeckte eher zufällig Museumsdirektor Gerhard Finckh in der Gärtnerei, die noch heute besteht. Er war begeistert vom Material, wobei die Fotos ursprünglich nur als Gebrauchsbilder angelegt waren, um die Züchtungen in Katalogen und anderen Werbematerialien den Kunden zu präsentieren. Und er fand in Anja Maubach, der Urenkelin von Arends, die heute den Familienbetrieb leitet, eine hoch erfreute Leihgeberin. Die Negative wurden gesichtet und von ausgewählten neue Abzüge gefertigt.

In der Ausstellung mit rund 70 Fotos, 20 Aquarellen sowie Skizzenbüchern und Dokumenten beweisen die Bilder ihre ästhetischen Qualitäten. Finckh und Kuratorin Solveig Maria Schuppler vergleichen sie mit den Naturaufnahmen von Albert Renger-Patzsch und Karl Blossfeldt, wenn auch diese nüchternen Sachbilder ganz anderen Zwecken dienten. Wobei die Fotografen, Arends‘ Söhne Erich und Werner, zwar keine professionellen Künstler waren, gleichwohl mit großer Sorgfalt ans Werk gingen. Nur ein Gärtner konnte jede Pflanze im Moment ihrer bestmöglichen Entfaltung ablichten. Sie sorgten zudem für präzise Schärfe und Ausleuchtung. Schon in den 1920er Jahren wurden die Blumenkreationen von Arends farbig abgelichtet, was besonders teuer war. Da gibt es nüchterne Porträts einzelner Blüten, aber auch sorgsam arrangierte Blumensträuße, die an Stillleben alter Meister erinnern. Man spürt in den Fotos die Liebe der Gärtner zu ihren Schöpfungen.

In der Ausstellung wird so ein wunderbarer Dialog geführt zwischen Kultivierung und Kunst, zwischen Natur und Kultur. Die Bilder bezaubern mit ihrer hohen Qualität, seien es die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einzelnen Blüten (man staune nur vor der Sinnespracht der Königin der Nacht), seien es die von Beeten, von Gewächshäusern oder surrealen Arrangements wie den Tischen mit Vergleichspflanzen, ausgebreitet mit ihrem feinen Wurzelwerk. Und die farbigen Porträts von Primeln und Astilben faszinieren durch die Strahlkraft der Rot-, Grün-, Blautöne, die durch die Patina der alten Aufnahmen durchscheint.

Arends hat auch gemalt, allerdings nur in jungen Jahren. Die Aquarelle von aufgeschnittenen Äpfeln und Birnen zeugen von den präzisen Kenntnissen des Fachmanns, aber er verstand auch, in einem Farbstreifen am Rand die Struktur der Fruchtschale mit augentäuschender Exaktheit wiederzugeben. In seinen Skizzenbüchern setzte er Skizzen von Blüten, Knospen, Schnitte mit höchster Sicherheit dicht auf jede Seite, ohne sichtbare Fehler oder Korrekturen. Auch hier steht er in einer großen Tradition bis hin zur niederländischen Barockmalerin Maria Sibylla Merian.

Allerdings hat er die Malerei aufgegeben, als er seine Gärtnerei gründete. Vielleicht verwirklichte er seine ästhetischen Einfälle nun in der Blumenzucht. Seine Kreationen aber sind in einer Schau zu erleben, die über jeden Regentag hinwegtröstet.

Natur wird Kunst – Georg Arends im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal, 24.8.– 2.1.2011, di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,Tel. 0202/563 6231, http://www.natur- wird-kunst-ausstellung .de, Katalog  15 Euro

Quelle: wa.de

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