Gabriela Montero improvisiert beim Klavierfestival Ruhr

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Kontakt zum Publikum: Gabriela Montero in der Essener Philharmonie. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN–Dann eben die Kleine Nachtmusik. Die erste Melodie, die das Mädchen in Reihe sieben gesungen hat, war zu leise, Gabriela Montero auf dem Podium der Essener Philharmonie konnte sie nicht verstehen. Aber hier reicht der Name, und Montero legt los. Spielt Mozarts Serenadenbeginn ein paar Mal an und hat sich dann für die Latin-Richtung entschieden: Die linke Hand schleift einen Tango-Rhythmus, rechts hüpft das Thema durch verschiedene Tonarten, immer schneller, und irgendwann klingt es nach „La Cucaracha“. Der Saal tobt.

Das Publikum feiert die venezolanische Pianistin für ihre ungewöhnlichen Konzerte – ihr viertes beim Klavierfestival Ruhr: Nach einem konventionellen Programm (diesmal mit zwei Chopin-Balladen und einem guten halben Dutzend kleinerer südamerikanischer Werke) wird improvisiert. Montero lässt sich nach der Pause ein Tischchen mit einem Glas Wasser und ein Mikro an den Flügel stellen und beginnt den Plausch mit dem Publikum: Wer traut sich als Erster? Vielleicht von der Empore hinter der Bühne? Niemand? „Das ist heute die schüchterne Seite“, sagt die 41-Jährige und nimmt stattdessen den Herrn aus dem Parkett dran, der „etwas von Schubert“ singt. Drei Mal, bis sie es ganz hat. Seine Gattin neben ihm sinkt derweil ein wenig tiefer in ihren Stuhl. Hier fantasiert Montero sich nicht so weit fort: Das Thema schiebt sie behutsam zwischen strenger Generalbass-Unterfütterung und Motiv-Zergliederungen in Beethoven-Manier hin und her.

„Yellow Submarine“ lässt sie vom ganzen Saal singen und summen, bevor sie den Beatles-Refrain erst spitzfingrig im Stil der Wiener Klassik präsentiert, ihn dann durch die barocke Präludiumsmühle dreht, zum Walzer in Moll wendet und schließlich zum Ragtime synkopiert.

Monteros Improvisationen sind ebenso virtuos wie die Interpretationen „fremder“ Werke: Ihr Chopin ist empfindsam, heftig, sehr schwärmerisch – doch über Strecken auch verunklart durch den ausgiebigen Gebrauch des Forte-Pedals. Die Tänze verschiedener südamerikanischer Komponisten absolviert sie als artistische Folklore, etwa den „Danca criolla“ des Argentiniers Alberto Ginastera (1916-1983) mit seiner perkussiven Energie. Die brasilianischen Tangos Ernesto Nazareths (1863-1934) haut sie mit Oktavgriffen in die Tasten, als säße sie vorm Klimperkasten eines Saloons.

Mit der gleichen Verve wirft sie sich ins Fantasieren, beherrscht dabei das Instrument mit technischer Brillanz und einer verblüffenden Unmittelbarkeit. Dieses Musizieren sei ihr „Spielplatz“, sagt Montero. Sie greift dabei sicherlich auch in einen pianistischen Baukasten mit Versatzstücken von Barock bis Minimal Music. Aber ihre Improvisationen klingen so makellos und frisch geschlüpft, dass sogar der impressionistische Kitsch in Ordnung geht, in den sie sich zu Chopins E-Dur-Etüde („In mir klingt ein Lied“) versteigt.

Am 23. Oktober improvisiert Gabriela Montero erneut in der Essener Philharmonie. Mit der Academy of St. Martin in the Fields spielt sie außerdem Werke von Piazolla und Beethoven.

Quelle: wa.de

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