Zum fünften Mal bringt Triennale „Beaufort“ Kunst an Belgiens Küste

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Was flattert in den Dünen? Ein Überraschungsmoment der Kunsttriennale „Beaufort“ an der belgischen Küste ist Pieterjan Ginckels Installation „A-Shovelin South“ am Naturzentrum „De Nachtegaal“ in De Panne.

Von Ralf Stiftel OSTENDE - Staksige Drahtstengel wuchern aus dem Boden, zwischen trockenen Grasfeldern und Sanddünen. Sie ballen sich zu einem wolkigen Gekritzel, rostrot und manchmal nicht fassbar, weil man durchschauen kann. „Bird Pavillon“ nennt das Künstlerkollektiv „Dog Republic“ diese Arbeit in den Dünen von Knokke, am Rand des Vogelschutzgebiets Het Zwin. Der Wanderer stellt sich vielleicht vor, wie die Vögel Zuflucht suchen in den metallenen Büschen.

Solche Überraschungen bietet die Triennale Beaufort, die zum fünften Mal moderne Kunst an die belgische Nordseeküste bringt. Zwischen Knokke an der holländischen Grenze und De Panne an der französischen sind Arbeiten von mehr als 30 Künstlern und Künstlergruppen zu sehen. Ein Erfolgskonzept, an das die nahe gelegene Stadt Brügge – wie berichtet – nun mit einer eigenen Triennale anknüpfen will. In Flandern wird die Kultur offensiv als Lockmittel für den Tourismus eingesetzt. Man hat erkannt, dass man vielleicht mehr bieten muss als nur Sand, Salzwasser und Sonne. Zu Hundertttausenden strömten bei den vier bisherigen Ausgaben die Menschen zu Werken bekannter Künstler wie Louise Bourgeois, Jan Fabre, Daniel Buren, Wim Delvoye.

Die vier Kuratoren um Phillip Van den Bossche, den Direktor des Museums Mu.Zee in Ostende, haben allerdings das Konzept des Kunstfestes verändert. Die Arbeiten sind nun nicht mehr auf die teilnehmenden Küstengemeinden verteilt, sondern in drei Gruppenausstellungen gebündelt. Nun sollen die Besucher also in den Naturschutzgebieten von De Panne und Het Zwin Skulpturen und Installationen suchen und im Freilichtmuseum Raversyde bei Ostende, das vor allem die Bunkeranlagen umfasst, die die deutschen Besatzer im ersten Weltkrieg errichtet hatten.

Damit die anderen Orte nicht ganz leer ausgehen, bespielt die „Dog Republic“ um den ungarischen Künstler und Architekten Yona Friedman die ganze Küstenstrecke mit unterschiedlichen Arbeiten, mit mobilen Kiosken, in denen man auch Infos bekommt, mit Filmvorführungen und Aktionen. Besonders die Werke an der Schnittstelle von Architektur und Kunst harmonieren prächtig mit der Umgebung, sei es der „Bird Pavillon“, seien es die „Bamboo Towers“ in der Nähe des Natur-Info-Zentrums „De Nachtegaal“ in De Panne. Da bauten sie ein Gestänge auf eine Waldlichtung, und der Kontrast zwischen den geraden Linien aus Bambusstäben und dem organischen Gewusel des Unterholzes erscheint überraschend und poetisch. Ein ähnlich verspieltes Gebilde aus Stahlringen ist die „Iconostase surjetée“, die sie jeweils auf Wellenbrechern bei Raversyde und in Blankenberge errichteten.

Längst nicht alle „Beaufort“-Beiträge haben allerdings dieses Format. Vieles kommt dem Betrachter bekannt vor, Neon-Schrift-Kunst zum Beispiel, die sich kaum von der Umgebung abhebt. Und wie sinnhaft ist ein Video von 49 Minuten über eine Einrichtung für geistig Behinderte, das in einer Holzhütte in Het Zwin läuft? Kaum verständlich die Arbeiten von Otto Berchem, über den Weg gespannte Stoffgirlanden, die in einem speziellen Farbcode Botschaften verkünden. Die Kuratoren wollten eine Neuorientierung. Sie nahmen der Schau die Sinnlichkeit der früheren Ausgaben.

Immer wieder kommen die Künstler auf die Form von Hütten. Wenn Liesbeth Doms in Raversyde ihr Bauwerk mit nachempfundenen Kirchenfenstern ziert und mit Tieren und vermummten Hexen bevölkert, hat das noch Witz. Thorsten Brinkmanns „Kista del Sol“, eben eine schnöde Holzkiste, ist nur langweilig.

Einige Beiträge reagieren sensibel auf Schauplätze. In einem Bunker in Raversyde, unter einem Sehschlitz zum Meer, läuft als Drei-Minuten-Loop Nicolas Provosts Video „The Invader and the Origin of the World“: Zunächst sieht man eine schöne nackte Frau an einem FKK-Strand. Dann aber werden zwei Afrikaner angeschwemmt. Und plötzlich ist die Flüchtlingsproblematik ganz nah. In Het Zwin findet man in einem Vogelbeobachtungsstand die „20 000 Gun Shells“ von Matias Faldbakken, leere Patronenhülsen. Gerade noch genoss man den Blick auf die Insel mit den vielen Vögeln. Nun stellt man sich ein großes Geballer vor. Mit einer kleinen Geste zeigt der norwegische Künstler die Gefährdung des Ortes, verwandelt die Flaneure in potentielle Aggressoren.

Ärgerlich ist die nachlässige Organisation bei „Beaufort 2015“. Dass man in De Panne das Naturzentrum „Nachtegaal“ über die Tramhaltestelle „Kerk“ erreicht, steht weder im Katalog noch in der „Beaufort“-Zeitung. Die nennen auch die alte Adresse von „Het Zwin“, das allerdings umgebaut wird. Zur Kunst geht es über die Zwinlaan, wo es dann auch Wegweiser gibt, allerdings kleine.

Beaufort – Beyond Borders an der belgischen Küste. Bis 21.9., di – so 10 – 18 Uhr. Es empfiehlt sich, vorab Wegbeschreibungen zu erfragen, z.B. im Tourist Info Ostende.

www.beaufort2015.be

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, Tel. 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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