Der WDR führt „Kopfüber in die 60er“

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Eine Hochfrisur im Stil von Farah Diba kommt in der Sendung „Kopfüber in die 60er Jahre“ zur Geltung. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ „Ja weil wir doof waren damals“, entfährt es Annemarie Winter. Cathrin Leopold hat sie gefragt, warum sie das gemacht hat, in Essen in den 1960er Jahren: Fünf Kinder bekommen, den Haushalt in Ordnung gehalten und dem Mann gehorcht. Ahnung von Verhütung hatten am Anfang weder sie noch ihr Mann. Nun schneidet sie Kohl, um für Frau Leopold zu kochen wie damals, und dabei erzählt sie.

Sie haben durchaus Mode, die Dokumentationen zur Zeitgeschichte. Beim Zweiteiler „Kopfüber in die 60er“ aber geht es mal nicht um Wendepunkte und Krisenzeiten, um NS-Zeit oder Mauerfall. Die Erkundung von Cathrin Leopold, die als muntere Fragestellerin mit den Zeitzeugen ins Bild kommt, und Lothar Schröder widmet sich eher dem Alltag jener Zeit, als Hippies noch ein bestauntes Spektakel in der Fußgängerzone waren und der Muff in den Talaren ungelüftet. Die Reporterin springt von der Kölner Friseurin Ruth Harperath, die ihr die Haare noch zu einer echten Farah-Diba-Frisur auftoupieren kann, zum früheren Münsteraner Studenten Detlev Mahnert, der noch heute über seinen autoritären Vater, den unverbesserlichen Nazi, klagt, und für den es eine Befreiung war, bei den Essener Songtagen zu übersetzen, was Frank Zappa sagte. Weiter geht’s zu Walter Westrupp, der als Hippie mit der Blume hinter dem Ohr auf dem Kennedy-Platz in Essen die Bürger staunen ließ. Dazwischen gibt es Schnipsel aus alten Wochenschauen und dem WDR-Archiv. Da sieht man die Studenten in Anzug und Krawatte, spielende Kinder auf den Straßen der Zechensiedlungen, und Westrupp ist tatsächlich im Bild, als musizierendes Blumenkind in Schwarz-Weiß, und eine Frau sagt tatsächlich: „Wenn mein Sohn so rumliefe, den würde ich lieber totschlagen“.

Diese muntere Reportage ist angenehme Unterhaltung, obwohl die vielen Sprünge von einem Zeitzeugen zum anderen und zurück irritieren. Das liegt einmal daran, dass man nicht in 45 Minuten Weltprobleme verhandelt. Und zum anderen liegt es daran, dass Cathrin Leopold ihren Gesprächspartnern zuhört, die uneitel und sehr offen von einer fernen Zeit berichten.

WDR, 20.15 Uhr,

2. Teil: 8.10., 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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