Fritz Eckengas Stück „Nicht ganz drei Tage“ in Castrop-Rauxel

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Es kriselt: Bernd (Burghard Braun, rechts) hat Probleme mit Job und Familie, während Dirk (Guido Thurk) den Kollegen gerne mal verspottet. Wirtin Guddi (Vesna Buljevic) kennt beide seit 20 Jahren. Szene aus „Nicht ganz drei Tage“ in Castrop-Rauxel.

Von Achim Lettmann -  CASTROP-RAUXEL Weihnachten aus dem Radio klingt wie „Driving home for Christmas“ oder „I am dreaming of a white Christmas“. Wer kennt das nicht? Chris Rea und Bing Crosby senken den Blutdruck oder schlagen aufs Gemüt. Am Westfälischen Landestheater (WLT) in Castrop-Rauxel startet Fritz Eckengas Stück „Nicht ganz drei Tage“ mit dem unausweichlichen Säuselsound.

Im Landgasthaus Börning bei Selgentrup ist die Festtagsfreude so zuhause wie ein Tannebaum aus Plastik deplatziert wirkt. Jeremias Vondrlik (Ausstattung) reiht Hirschgeweih, Thekentisch, Barhocker, Schnapsflaschen und Spielautomat. Und dazwischen suchen Menschen ein Plätzchen. Oder doch etwas mehr? Bernd, der Handelsvertreter für Sicherheitstechnik, bestellt ein Gedeck „fürn Stammgast“.

Wirtin Guddi hat sich auf wenige Handgriffe reduziert: telefonieren, Kaffee bringen, Korn ausschenken. Kochen ist ihr zuviel. Früh verbreitet sich im Studio des WLT jene steife Tristesse, die dem Leben im östlichen Ruhrgebiet südliches Münsterland ihren Stempel aufdrückt, wenn Fritz Eckenga an „Wirklichkeitsverbraucher“ denkt. Der Kolumnist, Dichter, Schriftsteller und N8chtschicht-Gründer findet im Personal seiner Weltbeschreibungen ein paar Typen für die Theaterbühne: Uraufführung!

Der Handelsreisende Nr. 2, mit Namen Dirk, vertreibt vorgekochte Lebensmittel und rauscht mit „Food“-Kiste, Schirm und großer Klappe herein. Ein Auftritt, der in den Armen der Wirtin endet. So fühlt sich Erfolg und Heimat an, oder freut sich Dirk nur auf Bier und Korn? Sie wollen ihre 20-jährige Freundschaft feiern und werden viel Zeit haben, weil ein Nordwind Kälte und Schnee bringt. Niemand kann in „Nicht ganz drei Tage“ über die Autobahn entkommen. Nicht mal die Unternehmensberaterin, die Julia Gutjahr egomanisch und hochnäsig spielt. Ihre Dr. Fassbender aus Wiesbaden bleibt bei Tomaten Mozzarella, während Bernd und Dirk Boeuf Bourgnignon aus der Tüte vor sich haben. Weißburgunder passt nicht zu Pils ist ein Deutungsansatz in diesem Stück. Am Ende nimmt sie Bernds Secura aus dem Restrukturierungsprogramm und rettet ihm seinen Job. Dann werden die Rolltreppen-Monteure vom BER Flughafen gefeuert. Mit Menschen wird eben nur verfahren, ist das Lamento, das dieses Stück grundiert.

Anders gefragt: Wer passt hier eigentlich in das Leben, dem er ausgeliefert ist? Für dieses kritische Motiv hat Fritz Eckenga aber nicht viel Text. Er gibt seinen Figuren nicht die Tiefe, die eine gewichtige Tragik braucht. Sie agieren meist vordergründig. Pointen scheinen wichtiger, aber selten neu und so witzig, wie Guddis Telefonansagen. Sie stellt einen Preis in Aussicht, um einen Anrufer loszuwerden: Ein anderes Wort für Christus? Heiland oder Holland? Ruf an! Das ist hier die Frage.

Regisseur Ralf Ebeling bringt das Personal in Stellung, das zum Volkstheater Ruhrgebiet zählen könnte. Irgendwo zwischen Comedian Bühne, Mondpalast Herne und Geierabend finden auch Handelsvertreter ihren Platz, wenn sie auf Maschendrahtzaun oder Fünf-Minuten-Terrine reduziert werden.

Was ist, wenn Opel Insignia auf Ford Mondeo trifft? Das wird kantig gespielt. Burghard Braun (Bernd) gibt einen dünnhäutigen Verlierer. Kaum Aufträge vermisst er besonders seine Tochter, die in Bordeaux ein Exzellenz-Studium beginnt. Die Kosten quälen ihn („Froschfresser“) und der Gedanke, dass sie gar nicht sein Kind ist. Braun entblößt die Psyche eines verängstigten Mannes, der nach viel Schnaps ausrastet. Er bellt wie ein deutscher Schäferhund, imitiert Freddie Frinton, beleidigt den Kollegen und bricht nach einer Schimpftirade als Jammerlappen zusammen. Das wirkt dramatisch, wird aber vom einfältigen Leben geschluckt. Er entschuldigt sich am Tag darauf und gibt klein bei.

Guido Thurk ist der Spaßmacher (Dirk) unter Alkoholeinfluss (Nehm’ we noch ein? Ja sicha!). Sein voller Terminplan macht ihn stark, er braucht ein Forum für kesse Sprüche. Unsensibel, selbstgerecht bewegt Thurk diesen Typen breitbeinig und mit Slapstick-Einlagen. Ob er vielleicht Bernds Ulrike bei der Aufstiegsfeier des TuS 09 1993 geschwängert hat, weiß letztlich nur Guddi, die den DNA-Test öffnet, den Bernd zurückgelassen hat. „Alles wissen kann auch richtig scheiße sein!“, sagte Bernd. Guddi schweigt und grinst.

Es wäre also noch Stoff für eine Fortsetzung.

16., 17., 18. 12.; 17., 19. 1.; 8. 2. 2015; Tel. 02305/97800

Quelle: wa.de

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