Freie Theater: „Favoriten“ startet in Dortmund

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Zusammenleben ausprobiert: das Performance-Kollektiv „She She Pop“ in Dortmund. ▪

Von Andreas Sträter ▪ DORTMUND–Drei alte Männer. Entblößt, fast nackt, im Unterhemd. Im Theaterstück „Testament“ bringen die sieben Mitglieder des Performance-Kollektivs „She She Pop“ ihre eigenen Väter mit auf die Bühne. Das „Theater im Depot“ am Dortmunder Hafen wird zum Verhandlungsraum für einen utopischen Prozess: den Ausgleich zwischen den Generationen. Dabei folgt das Ensemble fragmentarisch dem Aufbau und den Leitmotiven von William Shakespeares „König Lear“. Diese Annährung an das Thema Altersvorsorge markiert gleichzeitig den Start des ältesten und größten Off-Szene-Festivals des Landes. „Favoriten 2010“ heißt die 1985 in Dortmund gegründete Theaterreihe.

Bis 6. November werden in und um Dortmund zwölf aktuelle Produktionen der freien Theaterszene Nordrhein-Westfalens aufgeführt. Das Helios Theater aus Hamm zeigt beispielsweise „Spiel der Kräfte“. Erstmals wird das Festival von der Dramaturgin Aenne Quiñones geleitet, die den freien Bühnen zum 25-jährigen Bestehen des Festivals zu mehr Popularität verhelfen will. „Theater hat an vielen Stellen heute gar nichts mehr zu sagen“, sagt sie. Daher wolle sie bei der Jubiläumsausgabe mit Performances, „die man normalerweise im Theater nicht sieht“, auch jüngere Menschen ansprechen. Oder Oma Bonke aus der Nordstadt, die im Leopardenjäckchen bei der Premiere mit Mehrgenerationenkonflikt dabei war und eine wunderbar agierende Schauspielgruppe voller Ideen sah. „Wir wollen ein Publikum ansprechen, das die Stadt in all ihren Facetten ausmacht“, erklärt Quiñones. Und so wird das Festival zum Schaufenster für die freie Bühne. Spielorte dafür sind unter anderem das Dietrich-Keuning-Haus am Hauptbahnhof oder die Studiobühne des Dortmunder Schauspiels. Nur finanziell gehe es den freien Bühnen nicht so gut, sagt Quiñones. Sie befürchtet, dass es 2011 nach dem Auslaufen der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 weitere finanzielle Einschnitte geben werde. „Aber die freie Szene ist erfinderisch.“ Quiñones sagt, dass innovative Bühnen wie das Pumpenhaus in Münster, das Tanzhaus in Düsseldorf, PACT Zollverein in Essen oder der Ringlokschuppen in Mühlheim längst Forschungs- und Entwicklungsstätten der Darstellenden Kunst in NRW seien.

Für das „Favoriten“-Festival haben Quiñones und Scouts der Bochumer Theaterwissenschaft ein Jahr lang über 230 Arbeiten der freien Theaterszene in Nordrhein-Westfalen gesichtet. Unter den zwölf ausgewählten Stücken finden sich neben Produktionen von angesagten Künstlern wie dem Duo Gintersdorfer/Klaßen auch Performances wie „Nordstadt Realslide“. Das Crossover-Projekt zwischen Urban Arts, Theater und Tanz hat der Choreograf Samir Akika zusammen mit Jugendlichen aus der Dortmunder Nordstadt erarbeitet. „Es ist erstaunlich, wie stark die Street Art-Szene im Ruhrgebiet ist“, sagt Quiñones. Dabei seien auch diese Formen von Straßenkunst – wie etwa Parcours oder Hip Hop – zeitgenössischer künstlerischer Ausdruck.

Für Quiñones ist das Konzept des Festivals richtungsweisend. Welche Strategien die Bewohner im 21. Jahrhundert entwickeln, sei eine Überlebensfrage dieser Region. Erste Antworten auf ein mögliches Zusammenleben lieferten die Künstler von „She She Pop“ am Premierentag.

Besucher des Festivals, das früher noch „Theaterzwang“ hieß, dürfen sich auf 25 Veranstaltungen mit 150 Mitwirkenden freuen. Aenne Quiñones rechnet mit 3000 Zuschauern. Mindestens.

Tel. 0231/47429042

http://www.favoriten10.de

Quelle: wa.de

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