30. Geburtstag

Frauenpower und Mini-Drohnen: „Starlight Express“ bekommt Generalüberholung

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"Greaseball", der Diesel, ist einer der Teilnehmer am Rennen der internationalen Züge.

Es rollt und rollt und rollt. Auch im 30. Jahr nach der Premiere 1988 lockt das Musical „Starlight Express“ noch immer Hunderttausende Zuschauer nach Bochum. Zum Geburtstag wurden die Lokomotiven und Waggons gewartet, geölt und generalüberholt – auch, weil die Geschichte von der Weltmeisterschaft der internationalen Züge zuletzt merklich in die Jahre gekommen war.

Bochum - „Leg die Eisenbahn weg und ab ins Bett.“ Mit diesen Worten beginnt seit dem 12. Juni 1988 jede Starlight-Aufführung – insgesamt rund 11.700 Mal im eigens dafür errichteten Theater am Stadionring in Bochum. Was folgt, ist eine Reise in die Traumwelt eines Kindes. Die Loks erwachen zum Leben und messen sich in einem hart umkämpften Wettrennen. Wer ist der Stärkste? Wer ist der Schnellste? Wer gewinnt das Herz des schönen 1.-Klasse-Waggons „Pearl“?

Die Grundhandlung ist seit 1988 dieselbe und eine klassische Geschichte von Gut gegen Böse. „Rusty“, die kleine und unsichere Dampflok, nimmt es mit dem amtierenden Weltmeister „Greaseball“, dem Diesel, und „Electra“, der E-Lok, auf, die beide nicht mit fairen Mitteln spielen. 

Klassische Handlung, die noch immer fasziniert

Trotzdem fasziniert das Stück auch heute noch Jung und Alt. Produzent und Geschäftsführer Maik Klokow spricht von „370 000 bis 420 000“ Zuschauern im Jahr. Insgesamt lösten rund 16,5 Millionen Besucher eine Fahrkarte für den „Starlight Express“.

Die kleine Dampflok "Rusty" kämpft gegen vermeintlich modernere Züge um den Sieg.

Ein ganz besonderer Gast war im vergangenen Jahr allerdings unzufrieden mit dem Spektakel auf der Bühne: Komponist und Musical-Urgestein Andrew Lloyd Webber (70). Der „Lord“, wie er in Bochum ehrfürchtig genannt wird, fand das Rollschuh-Musical, das er in den 1980er Jahren für seine Kinder geschrieben hatte, nicht mehr zeitgemäß. „Er kam nach der Show zu mir und fand, dass sich vieles überlebt hatte. Da mussten wir was machen“, sagt Theater-Leiter Meinolf Müller. „Es gab auch die Idee, dass wir nach dem 30. Geburtstag aufhören.“

30 Jahre nach der Premiere, wird das Musical wieder dem Zeitgeist angepasst

Doch es kam anders. Webber selbst trommelte sein altes Kreativteam zusammen, das jedes Lied, jede Rolle und jedes Kostüm dem Zeitgeist anpasste. „Das war ein einmaliger Glücksfall für uns“, sagt Müller dankbar. 305 Mitarbeiter arbeiten am reibungslosen Ablauf der Show mit, das Ensemble besteht aus 43 internationalen Künstlern. 

Über Jahre haben sich viele persönliche Beziehnungen gebildet, „Starlight-Babys“ wurden geboren. Das alles aufgeben? Nicht mit Webber. Und auch die Stadt Bochum dürfte sich freuen, dass die Loks und Waggons weiter durch das Theater rollen. Rund 60 Millionen Euro Jahresumsatz soll „Starlight“ der Stadt bescheren.

Broadway-Flair in Bochum?

Zur Premiere vor 30 Jahren war die Stimmung im Pott noch weniger gastfreundlich. Die erste Aufführung wurde von Protesten begleitet. Das 32 Millionen Mark teure Theater sei zu teuer, die Geschichte zu seicht und die Musik zu laut. Broadway-Flair in Bochum? Fehlanzeige. Erst eine Live-Übertragung des „Aktuellen Sportstudios“ aus der Halle sorgte für steigende Besucherzahlen.

Damit die auch weiter auf dem hohen Niveau der zurückliegenden Jahrzehnte bleiben, haben sich die Macher so einiges einfallen lassen. Zum emotionalen Höhepunkt der Show – der Begegnung von „Rusty“ mit dem sagenumwobenen „Starlight Express“ – scheint die kleine Dampflok auf einem Podest fast zwei Meter über dem Boden förmlich zu schweben. 28 Mini-Drohnen mit Lichtpunkten umschwirren Hauptdarsteller Blake Patrick Anderson und sorgen für Gänsehaut bei vielen Zuschauern auf den 1650 Plätzen.

Logiklöcher sind verschlossen, sexistische Elemente ausradiert

Durch viele neue Dialoge zwischen den Liedern ist die Handlung nun leichter zu verstehen. Logiklöcher, die sich durch kleinere Änderungen in den vergangenen Jahren aufgetan hatten, wurden geschlossen. Und auch vieler antiquierter, teilweise sexistischer Elemente hat sich das Musical entledigt. Waren die Frauen bei „Starlight“ früher nur Anhängsel der wetteifernden Männer und hatten in ihren Liedern nicht viel mit Substanz zu sagen, gibt es jetzt auch zwei weibliche Loks, die ins Rennen gehen. Publikumsliebling und Bluesstimme „Papa“ wurde auf das Abstellgleis gestellt und durch eine „Mama“ ersetzt.

Die junge Liebe von "Rusty" und dem hübschen 1.-Klasse-Waggon "Pearl" steht im Mittelpunkt der Handlung.

Darstellerin Reva Rice, die schon 1987 die erste „Pearl“ am Broadway spielte, avancierte schnell zum neuen Publikumsliebling. Sie interpretiert die Rolle der alten Dampflok neu. „Mama ist energiegeladener als es Papa war. Mütter sind oft auch ein bisschen resoluter.“ Dass die angestaubte Handlung des Musicals jetzt entrümpelt wurde, findet sie gut: „Viele Zuschauer sind junge Leute, die sonst vielleicht oft auf ihre Handys starren. Die Aufmerksamkeitsspanne hat abgenommen, deshalb ist es wichtig, dass die Show jetzt flüssiger ist.“

Eigene Hymne für weibliche Charaktere

Problematische Zeilen wie „Wenn du zu ihm nein sagst, meinst du ja“, die schon vor einigen Monaten aus dem Programm flog, sind nicht mehr Teil des Textes. Dafür haben die weiblichen Waggons eine eigene Hymne bekommen. Im Lied „Ich bin ich“ zeigen die Waggons um „Pearl“, „Dinah“ und die beiden ebenfalls neuen Rollen „Carrie“ und „Belle“ den Kerlen die Grenzen auf. Humor beweisen die Macher mit dem neuen britischen Zug „Brexit“. Ein politisches Statement? „Nein, ein großer Spaß“, lacht Theaterleiter Müller.

Über ihre neue Rolle freut sich auch Musical-Star Sian Jones

Neben dem künstlerischen Teil der Show hat auch das Theater eine Generalüberholung spendiert bekommen. 4,5 Millionen Euro ließ sich die Mehr! Entertainment GmbH den Umbau des Foyers und des Spielsaals kosten. Doppelt so viele Lautsprecher sorgen für guten Klang – wichtig bei englisch-sprachigen Darstellern, die manchmal Schwierigkeiten mit der Aussprache des deutschen Textes haben. Beim neuen Ensemble klappt das nach wenigen Shows bereits überraschend gut. Mit Projektionen wird zudem das Gefühl eines echten Lokschuppens erzeugt. Veränderungen, die gut ankommen.

Bei Starlight Express sind die Künstler auf Rollschuhen unterwegs.

Risiko hat sich gelohnt, positives Feedback für die Show

„Wir haben äußerst positive Rückmeldungen. Da ist uns auch ein Stein vom Herzen gefallen, denn wir sind schon ein großes Risiko eingegangen“, sagt Müller. „Wir spielen seit 30 Jahren eine Show, die jeder kennt und die viele auch lieben. Eine Überarbeitung kann da auch nach hinten losgehen.“

Trotz des straffen Zeitplans haben die Verantwortlichen es geschafft,alle Wünsche von Komponist Webber umzusetzen. Die letzten Kostüme wurden zwei Tage vor der Premiere fertig. Geprobt wurde zeitweise sogar in einer leer stehenden Halle in Bochum-Harpen – so ganz ohne den Glanz der großen Musical-Bühne.

Die neue Fassung soll eine neue Ära einleiten

Mit der neuen Fassung soll jetzt die nächste Ära eingeleitet werden. Wie lange die Bestand hat? „Ich traue uns alles zu“, sagt Müller. „Viele Gäste haben Starlight Express als Kinder gesehen, jetzt haben wir eine neue Generation – warum sollte das nicht so weitergehen?“ Oder mit den Worten von Andrew Lloyd Webber: „Ein neues Starlight für eine neue Generation.“

Quelle: wa.de

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