Franz Hohlers Roman „Gleis 4“

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Franz Hohler

Von Ralf Stiftel Isabelle hat gerade eine Operation hinter sich. Ihr Koffer war schwer. Darum lässt sie sich am Bahnhof Oerlikon von dem älteren Herrn helfen. Doch der Gentleman der alten Schule geht auf dem Bahnsteig nicht seines Wegs, sondern fällt tot um. Und damit ist klar, dass Isabelle nicht in den Urlaub nach Stromboli fliegen wird.

Franz Hohler weiß, wie man eine Geschichte beginnt. Der Tote im Roman „Gleis 4“ wird ein posthumer Freund von Isabelle Rast, die das Mobiltelefon des Mannes einsteckt. Dadurch gerät sie immer mehr in die rätselhafte Biografie jenes Martin Blancpain, der aus Kanada in die Schweiz kam, um an einer Beerdigung teilzunehmen. Die Familienmitglieder dieses Begräbnisses aber wollen auf keinen Fall, dass er kommt. Mit ihrer patenten und juristisch beschlagenen Tochter Sarah und der Witwe Blancpain stürzt sich die Heldin von Hohlers Roman „Gleis 4“ in Ermittlungen, als wäre dies ein Kriminalroman. Und wenn hier auch kein Mord geschah, so folgt das Buch doch vielen Regeln dieses Genres. Blancpain stammt aus der Schweiz, und er war einmal ein Verdingkind, eines jener unehelichen Kinder, die der Mutter weggenommen und in Pflegefamilien meist auf dem Land gegeben wurden. Die Behandlung dort war meistens schlecht. Hier aber ist ein düsteres Familiendrama zu entschlüsseln.

Hohler, geboren 1943, wurde zunächst als Kabarettist bekannt, hat aber parallel immer auch schon geschrieben. Er liebt es eher verhalten, und auch dieser Roman verzichtet auf physische Spannung. Selbst einen Anschlag mit Voodoo-Magie beschreibt Hohler leichthin, er hält das Geschehen in der Schwebe. Seiner Heldin hat er einen ungewöhnlichen Lebenslauf verpasst: Sie hatte eine Affäre mit einem afrikanischen Mediziner und zog ihre Tochter allein auf. Sarah ist dunkelhäutig und muss sich manchmal gegen den Alltagsrassismus in der Schweiz wehren.

Hohler erzählt so, dass man sich in die Handlung gezogen fühlt. Und er unterfüttert seine Geschichte immer wieder mit alltäglichen Miniaturen. Da gibt es den hinterhältigen Herrn Meier, der nicht von Isabelle eingeladen werden will und deshalb die vier Franken für den Kaffee auf den Tisch legt. Aber er kommt zurück und nimmt sie wieder an sich. Nichts verschenken, das Prinzip des Spießers. Und eine Mutter und ein Hundebesitzer geraten auf einem Spielplatz aneinander, und die Frau schimpft, man könne mit Hundehaltern nicht reden. Reden schon, erwidert der Mann, aber nicht in dem Ton. Worauf sie kontert: Sie könne ja bellen. Um sowas dem Leben abzulauschen, muss man wach und humorvoll sein. Wie Hohler eben.

Franz Hohler: Gleis 4. Luchterhand Verlag, München. 222 S., 17,99 Euro

Quelle: wa.de

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