67. Frankfurter Buchmesse: Zehn Bücher, die uns auffielen

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Beschwingt vom Eierlikör: Illustration von Sabine Kranz aus „Sonntags um halb vier“.

Frankfurt - Irgendwie war früher mehr Lametta auf der Frankfurter Buchmesse. Gewiss, mit rund 7000 Ausstellern bietet auch die 67. Ausgabe das weltgrößte Treffen der Literaturbranche. Aber wenn – aus unterschiedlichen Gründen – ein Publikumsverlag wie Diogenes und ein Haus wie Steidl fehlen, dann ist da eine Lücke. In die Bresche springen eher unliterarische Aussteller:

Die Bundesregierung hat einen großen Stand, der Bundestag und die Bundesbank, die immerhin Geldscheine bedruckt, wirbt mit Tüten voll geschredderter Noten für den Euro. Was bleibt, stiften dagegen die Dichter. Hier sind wieder zehn Bücher, die uns auffielen. Der Buchhändler Ihres Vertrauens hat sie vielleicht nicht im Laden. Aber er besorgt sie Ihnen gern.

1. Eine gute Nachricht zum Beginn: Der Corso Verlag, dem wir eine Reihe wunderschöner Bücher an der Schnittstelle von Reise und Literatur verdanken und der vor drei Jahren in die Insolvenz ging, kann weitermachen. Das Haus besteht fort als Imprint beim Frankfurter Verlagshaus Römerweg und legt im Herbst unter anderem „Marokko“ vor, einen weiteren Klassiker des italienischen Reiseschriftstellers Edmondo de Amicis. Er schrieb das 1876 erschienene Buch als Begleiter einer diplomatischen Mission zum Hof des marokkanischen Sultans, und dabei erzählt er weltoffen, neugierig und überaus lebendig. Und seine Beobachtungen vom Zusammenprall der Zivilisationen sind von verblüffender Aktualität. Zahlreiche historische Fotos, zum Teil koloriert, machen den Band auch zum visuellen Erlebnis.

Edmondo de Amicis: Marokko. Deutsch von Annette Kopetzki.

Corso Verlag im Verlagshaus Römerweg, Wiesbaden. 205 S., 39,90 Euro

2. Die Frankfurter Grafikerin Sabine Kranz versetzt ihre Leser zurück in glücklichere Tage. Das war, als man noch ungehemmt der Lust an Donauwellen, Bienenstich und Kirschenplotzer frönte. Als man den Königskuchen noch mit fünf Eiern buk und man für den Frankfurter Kranz mit einem Stück Butter nicht auskam. Wer kalorienmäßig etwas kürzer treten muss, kann sich an „Sonntags um halb vier“ wenigstens satt sehen. Denn Kranz hat ihrem Buch mit Original-Rezepten von Ulla Oma, Oma Julchen und Opa Mathias eine opulente Optik verpasst, eine knietschbunte Mischung aus Comics und Wirtschaftswunder-Design. Da rasen die Omas auf der Achterbahn oder schaukeln an der Schwarzwalduhr.

Sabine Kranz: Samstags um halb vier. Kunstanst!fter Verlag, Mannheim. 80 S., 24 Euro

3. Johann-Günther König schafft es, auf der ersten Seite seines Essays „Das große Geschäft“ das Wort „Scheiße“ zu vermeiden. Danach führt er den Leser unerschrocken durch die Geschichte der menschlichen Notdurft, unterhaltsam und lehrreich. Er klärt über die biologische Seite der Verdauung auf, zitiert Fachliteratur von der Apotheken-Umschau bis zur Dissertation über Toiletten und Urinale, Dichtung von Grimmelshausen bis Handke. Er räumt mit historischen Irrtümern auf wie dem, dass das Mittelalter tabulos mit Kot und Darmwind umgegangen sei, er plaudert über den Kunstfurzer von Paris und lässt uns an den Qualen der Liselotte von der Pfalz teilhaben, die im Schloss Fontainebleau ohne Kackstuhl auskommen musste. Und er beschert uns Einsichten wie die, dass „die traditionellen Sitztoiletten ... nur für Frauen akzeptabel“ seien. Ein Born des Wissens.

Johann-Günther König: Das große Geschäft. zu Klampen Verlag, Springe. 254 S., 24,80 Euro

4. Das muss Liebe sein: Hiroshi Kamimura liegt auf dem Rücken, eine Zigarette im Mund, und auf seinem Bauch ruht völlig entspannt ein Ferkel. „Jagdwild, Opfertier, Schlachtvieh: Schweine sind uns nah und fern zugleich“, stellt Thomas Macho fest. In seinem schmalen Buch „Schweine“ beschreibt der Professor für Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität die so zwiespältige wie faszinierende Beziehung zwischen dem Tier und dem Menschen nach. Einerseits sind die Tiere intelligenter als Hunde, sensibel und uns so ähnlich, dass sogar darüber nachgedacht wird, ihre Organe zu transplantieren. Andererseits ekeln sich viele vor ihnen, haben Weltreligionen wie das Judentum und der Islam sie als unrein verdammt. Macho zitiert griechische Mythen, spricht vom Schweineheiligen Antonius, erinnert an einen Mordprozess gegen ein Schwein im Mittelalter. Illustrationen aus Kunstgeschichte, Fotos und aktuelle Porträts zum Beispiel des Bentheimer Landschweins machen das Buch auch zum Seh-Genuss.

Thomas Macho: Schweine. Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 156 S., 18 Euro

5. Wahrscheinlich haben sich Hannes Vogler und I Stangl mit Koker Koler gedopt, als sie sich den Quatsch ausgedacht haben. Das Getränk nach streng geheimem Rezept enthält Asbach Uralt, Underberg und Jägermeister als wesentliche Zutaten. Die Antwort auf eine dubiose Plörre voller Chemie namens Coca Cola. Das ist einer der unzähligen Scherze in „Schweinsbuben, Michi Maus & Koker Koler. Deutsch redet die Welt!“, einer als Sachbuch getarnten Juxerei nach dem Was-wäre-wenn-Prinzip. Was wäre, wenn die USA sich am 13. Jänner 1795 für Deutsch als Landessprache entschieden hätten? Wenn es um Weltpolitik geht, mit großdeutscher Weltherrschaft auf beiden Seiten des Atlantik, ist das frivol. Aber der Blödsinn ergreift einen am Ende doch, wenn es Braune Hosn gibt statt Blue Jeans, Schweinsbuben statt Cowboys, politische Größen wie Horst Chi Minh und Tirpitz Mandela, und die Harte-Schuh-Plattler-Band Der Blöde Zeppelin den Schlager „Stiegenweg zum Himmel“ hat.

Hannes Vogler / I Stangl: Schweinsbuben, Michi Maus & Koker Koler. Löcker Verlag, Wien. 153 S., 19,80 Euro

6. Angeblich lautete der erste vollständige Satz, den Laabs Kowalski (damals noch Michael Laabs) aussprach: „Herzflöte, ihr Luschen!“ Hat dem zweijährigen Michael der skatsüchtige Papa beigebracht, um bei den Kumpels anzugeben. Nostalgisch blickt Kowalski, unter anderem Drehbuchautor und Gagschreiber u.a. für Atze Schröder und Dirk Bach, in „So zärtlich war das Ruhrgebiet“ auf seine Kindheit in den siebziger Jahren in Dortmund zurück. Zwar gibt es reichlich Listen von Popsongs und Fernsehserien. Aber insgesamt orientiert sich der Autor doch am Vorbild Siegfried Lenz und fabuliert fröhlich, wenn auch nicht ganz auf der literarischen Höhe, vom Großwerden, von Bunken und von erster Liebe. Da ist Onkel Catcher, der im Krankenzimmer nicht ohne Roth-Händle auskommt. Und als es bei Wallerts im zweiten Stock brennt, spielen sie unten Skat, und da vergisst Papa ganz, dass er eigentlich Alarm schlagen wollte.

Laabs Kowalski: So zärtlich war das Ruhrgebiet. Satyr Verlag, Berlin. 144 S., 12,90 Euro

7. Der Hipster hat keine gute Presse. Irgendwie gehen die Träger von hautengen Jeans, Brille und Vollbart, dessen schärfste Kritik lautet, etwas sei „zu sehr Mainstream“, vielen Leuten auf die Nerven. Philipp Ikrath hat das soziale Phänomen in der Studie „Die Hipster“ untersucht. Er bestimmt diesen neuen sozialen Typus als Ausdruck des Neoliberalismus, sucht Artverwandte wie die älteren Bobos und grenzt ab gegen die Nipster (Neonazis, die sich einen coolen Anstrich geben wollen). Die Kritik am Hipster wird zwar ausführlich zitiert, aber in der gut lesbaren Studie schwingt deutlich Sympathie mit. Mit Jahrgang 1980 liegt der Jugendforscher etwas über der Zielgruppe der 16- bis 30-Jährigen. Aber er könnte Vollbart tragen.

Philipp Ikrath: Die Hipster. Promedia Verlag, Wien. 206 S., 17,90 Euro

8. Interessiert sich tief im Westen jemand für die Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs? All die verlorenen Ost-Ruinen, die jetzt von Beate Uhse oder Rossmann übernommen sind. Man tut dem Lyriker und Kneipier Bert Papenfuß und dem Musiker und Zeichner Ronald Lippok nicht Unrecht, wenn man ihnen Ostalgie unterstellt im „Psychonautikon Prenzlauer Berg“. Im kongenial gestalteten, quer zu lesenden Band lassen sie in Wort und Zeichnung ihrer Aggression freien Lauf, und ihrer Wehmut, und es werden vielleicht auch alte Schlachten noch einmal ausgefochten. Immerhin lösen eingeschobene Interview-Passagen mit Annett Gröschner und Fußnoten manche kryptische Anspielung auf, und Papenfuß montiert sich quer durch die Kulturgeschichte von alten Runensteinen über den Barocklyriker Hans Aßmann von Abschatz und Brecht bis zu T. Rex und Can. Er fügt Zeilen, neben denen sich Gangsta-Rapper wie Pussis ausnehmen. Auf mindestens jeder zweiten Seite stehen Verse zum In-Steine-Hauen, Wortmusik, die rockt: „Ab uff’n Schwof mit Schickedanz, Schüddekopp, Lobe-/danz, Schlichtegroll, Rördanz, Störtebeker und Discomaus;/ die Elite ist der Abschaum des Durchschnitts durch und durch:/ Eitrig giert der Schlund,/ ohne Zutaten keine Gedichte;/ literatur dich andermal ins Knie rein!“

Bert Papenfuß/ Ronald Lippok: Psychonautikon Prenzlauer Berg. Starfruit publications, Fürth. 216 S., 21 Euro

9. Mit seiner Band The Voidoids brachte Richard Hell 1977 das Album „Blank Generation“ heraus, die Essenz von Punk. Heute ist der Sänger und Bassist ein Fall für Kenner, während die Sex Pistols und die Ramones den Ruhm haben. 1984 wandte sich Hell, der als Richard Myers 1949 in Kentucky geboren wurde, von der Musik ab und wurde Journalist. Jetzt liegt seine Autobiografie auf deutsch vor, „Blank Generation“, ein starkes Buch über eine wilde Zeit des Rock ’n’ Roll. Natürlich geht es da um reichlich Sex- und Drogenerfahrungen und natürlich mit Momenten aus dem Musik-Underground rund ums CGGB, mit Patti Smith, Dee Dee Ramone, Debbie Harry und all den anderen. Hell hatte als 19-Jähriger eine Affäre mit der Frau des Pop-Künstlers Claes Oldenburg. Aber der Text ist mehr als Name-Dropping und Rechtfertigung. Der Autor hat die Beat-Poeten um Alan Ginsberg gelesen, schwärmte für Dylan Thomas wie für Bob Dylan und Verlaine. Der Mann hat zum Leben auch noch Stil.

Richard Hell: Blank Generation. Deutsch von Norbert Hofmann. Edition Tiamat, Berlin. 287 S., 20 Euro

10. Der Roman „Die Großwäscherei“ von Andor Endre Gelléri beginnt mit Mobbing. Ein Angestellter in Jenö Taubes Betrieb verpatzt einen Auftrag und wird gefeuert. Gespenstisch genau und mit einer moralisierenden Pointe beschrieb der Autor, 1906 als Sohn eines Schlossers in Budapest geboren, 1945 an den Folgen der Internierung im KZ Mauthausen gestorben, wie der Fabrikant sich einerseits Vorstellungen von Reinheit hingibt, andererseits seine Langeweile mit Affären zu betäuben versucht. Kontrastiert wird das Geschehen vom Schicksal der Färber Novák und Angelov – der eine macht Karriere, der andere verzweifelt. Der 1931 erschienene Roman fesselt mit Details wie dem Rausch, den Novák sich über Benzindämpfen erschnüffelt.

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei. Deutsch von Timea Tankó. Guggolz Verlag, Berlin. 224 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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