63. Frankfurter Buchmesse: Zehn Bücher, die uns auffielen

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Die Qual der Wahl: Leser auf der Buchmesse in Frankfurt. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ FRANKFURT–Mehr als Bücher biete die 63. Buchmesse in Frankfurt, verkündet Direktor Juergen Boos, und so findet man auch Computerprogramme, Kuscheltiere und Kochtöpfe. Leser sollten dem Buch aber doch trauen, schließlich ist es der Anlass, weshalb sich hunderttausende alljährlich am Main versammeln. Hier nun zehn Bücher, die uns auffielen. Ihr Buchhändler hat sie vielleicht nicht vorrätig. Aber wenn er sein Geschäft versteht, besorgt er sie Ihnen.

1. Beim Titel erwartet man etwas aus der De-Luxe-Phantasiewelt, dessen Wert sich darüber bestimmt, wie sehr es die Kreditkarte belastet. Tatsächlich handelt die „Enzyklopädie des Exquisiten“ von Jessica Kerwin Jenkins von Champagner, Parfum, Trüffel. Aber ebenso von Kleinigkeiten, die das Leben auf diesem Planeten lohnen, wie es die Autorin formuliert, die für US-Frauenmagazine schreibt. So geht es um das Draußensein, Liebesbriefe und Konfetti. Man findet zauberhafte kulturhistorische Miniaturen über die Stille in Becketts meistgespieltem Theaterstück und über den Geparden der Filmdiva Pola Negri.

2. Der Titel vonJoe Brainards Buch „Ich erinnere mich“ sagt alles. Der 1941 geborene US-Künstler und Autor hat diese Form erfunden: Ein Buch voller Momentaufnahmen, die alle gleich beginnen: „Ich erinnere mich an Kissenschlachten.“ Was einzeln banal klingt, fügt sich in der Reihung zu einem schonungslosen und präzisen Selbstporträt, zumal er vom eigenen Körper spricht, von Sexualität, Stottern, den Popel auf dem Stuhl, wie hässlich Vater und Mutter nackt aussahen. Was das Leben ausmacht, findet sich in lakonischer, manchmal surrealer Poesie. Der Text wurde schon 1970 geschrieben, nun gibt es erstmals eine Auswahl auf Deutsch.

3. Was ein schönes Buch kann und kein E-Book, das zeigt die Reihe Corsofolio. Diese Reisebücher im Magazinformat führen in Europas Metropolen, mit einem kenntnisreichen „Gastgeber“. Beim Band „Istanbul“ ist das der Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino, der eine einleitende Reportage beisteuert mit einer schönen Schwarz-Weiß-Fotostrecke von Janet Riedel. Es gibt Interviews mit Künstlern, Katzengedichte und einen Dank an seine Stadt von Nazim Hikmet.

4. Joseph Delteil (1894– 1978) war in den 1920er Jahren ein Star der Pariser Kulturszene. Bis er sich 1931 zurückzog in die Provinz. Sein Buch über „Die paläolithische Küche“, 1964 erschienen, ist eine visionäre Streitschrift. „Ihr verzehrt mit Formaldehyd konservierte Milch, mit Kupfersulfat gefärbten Wein usw usw. Das ist Chemiespeisung.“ Dagegen setzt er seine Elementarküche, eben die des Steinzeitmenschen. Die Rezepte nachzukochen dürfte nicht leicht fallen, weil der Autor vieles voraussetzt. Aber die Sprache ist ebenso kraftvoll wie poetisch, und die Meinung stets klar: „Es gibt nur einen Kohl: den Wirsing. Das übrige den Kühen!“

5. Der Kontakt mit Bärenklau führt in Sonne zu Verbrennungen. 2003 gab Großbritannien für die Knöterichbekämpfung 1,5 Milliarden Pfund aus. Asiatische Marienkäfer sind bissig, Pazifische Austern überwuchern Miesmuschelbänke, Kanadagänse koten die Landschaft zu. All diese Pflanzen und Tiere gehören nicht nach Europa. Aber der Mensch hat sie hierher gebracht. In dem von Wolfgang Nentwig, Professor für Ökologie in Bern, herausgegebenen Band „Unheimliche Eroberer“ werden 24 Beispiele „invasiver Pflanzen und Tiere“ beschrieben.

6. Georg von Wallwitz ist Mitinhaber einer Investmentmanagement-Firma in München. Im Buch „Odysseus und die Wiesel“ erklärt er die Finanzmärkte verständlich, in einer bildhaften Sprache und mit einer Fülle von Beispielen. Die Figuren des Buchtitels stehen für Archetypen, den listenreichen und wagemutigen Odysseus, der allerdings nur ein Ideal verkörpert. Und die Wiesel, die eigentlich zu klein sind für Raubtiere, aber trotzdem Beute machen müssen, um zu überleben. „Kein Fondsmanager kann den Markt auf Dauer schlagen“, sagt von Wallwitz. Aber genau das behaupten sie: einen Profit über dem Durchschnitt der Kurse. In diesem Buch lernt man viel über die Systemfehler des entfesselten Kapitalismus.

7. Wer liest heute noch Gedichtbände? Versuchen Sie mal diesen von Hellmuth Opitz: „Die Dunkelheit knistert wie Kandis“. Der Bielefelder Lyriker macht sich einen Reim auf Toaster, Mikrowelle und Aschenbecher. In einem heiteren Liebespoem entzündet er sich „nördlich der Bikinizone“ am „Sonnengeflecht“. Er verbindet Formbewusstsein mit Witz, und über den Winter dichtet er: „Die Autos hatten/ längst auf Kiemenatmung umgestellt/ dicht am gewundenen Flusslauf der Straße,/ die Kühlergrills voller Eiszapfen/ lauerten sie: Welse in stillen Buchten.“

8. „Butengoor“, so heißt das Haus, von dem aus man schon den Wald in Holland sieht. Hier treffen sich vier Menschen, die Geschwister Philipp und Nele, ihr Vater und Philipps Freund Moritz. Äußerlich passiert nicht viel in der Novelle des Münsteraner Autors Wolfgang Korfmacher. Aber in Butengoor zerbrechen Beziehungen, zum Beispiel stellt Moritz in einer intensiven Szene fest, dass er Nele, mit der er eine Nacht verbrachte, nicht liebt. Große Gefühle in schlichten Worten.

9. Die Journalistin Nellie Bly (1864–1922) gehört zu den Pionieren der verdeckten Recherche. 1887 erhielt sie von der New York World den Auftrag, undercover aus der Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island zu berichten. Sie nahm den Auftrag an – und schrieb die Reportage: „Zehn Tage im Irrenhaus“. Sie deckte Missstände auf: mangelnde Heizung, schlechte Verpflegung, Misshandlungen. Nun gibt es ihren Bericht erstmals in Übersetzung.

10. Schurken geben die schönsten Helden ab. So ist es auch mit Fantômas, dem „König der Nacht“, den vor 100 Jahren die französischen Schriftsteller Pierre Souvestre und Marcel Allain erfunden haben. Der Superverbrecher heckte ebenso geniale wie grausame Taten aus, und wenn ihn Inspector Juve doch einmal fasste, entkam er. Jetzt erscheint die Reihe neu, leider nicht in der Originalreihenfolge. „Ein Zug verschwindet“ von 1912 ist eigentlich der 21. Roman der Reihe. Dafür trifft Übersetzerin Lea Rachwitz schön den altertümlichen Gangsterjargon mit Polente, feine Pinkel und schnieke. Die Spätblüte des romantischen Trash bietet fein dosierte Schauer: „Mitten ins Herz getroffen, bäumte sich der Mann ein letztes Mal auf; ein Strom warmen roten Blutes spritzte der Mörderin ins Gesicht und verbreitete einen faden, widerlich süßen, aber auch betörenden Geruch...“

Die Bücher

1. Jessica Kerwin Jenkins: Enzyklopädie  des Exquisiten. Deutsch von Gottfried Röckelein. Verlag ars vivendi, Cadolzburg. 400 S., 22,90 Euro

2. Joe Brainard: Ich erinnere mich. Vorwort von Paul Auster. Deutsch von Uta Goridis . Verlag Walde + Graf, Zürich . 208 S., 14,95 Euro

3. Istanbul. Gastgeber Wilhelm Genazino. Corso Verlag, Hamburg. 166 S., 26,95 Euro

4. Joseph Delteil: Die paläolithische Küche. Deutsch von André Thiele. Verlag André Thiele, Mainz. 80 S., 16,90 Euro

5. Wolfgang Nentwig (Hg.): Unheimliche Eroberer. Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien. 251 S., bis 31.10. 29,90 Euro, danach 39,90 Euro

6. Georg von Wallwitz: Odysseus und die Wiesel. Berenberg Verlag, Berlin. 152 S., 20 Euro

7. Hellmuth Opitz: Die Dunkelheit knistert wie Kandis. Pendragon Verlag, Bielefeld. 126 S., 16,80 Euro

8. Wolfgang Korfmacher: Butengoor. Neues Literaturkontor, Münster. 75 S., 10 Euro

9. Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus. Deutsch von Martin Wagner. Aviva Verlag, Berlin. 191 S., 18,50 Euro

10. Souvestre & Allain: Fantômas. Ein Zug verschwindet. Deutsch von Lea Rachwitz. Edition Epoca, Zürich. 399 S., 24.90 Euro

Quelle: wa.de

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