66. Frankfurter Buchmesse: Von Dschinns und Baumumarmern – Zehn Bücher, die uns auffielen

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Der erste Schritt für Schuhputzer Tony auf dem Weg zum Millionär: Die eigene Firma mit einem Angestellten. Der Zeichner Miroslav Sasek hat in seinem Bildband „New York“ auch Platz für die kleinen Dinge in der großen Stadt.

Von Ralf Stiftel FRANKFURT - Punktgenau zur 66. Frankfurter Buchmesse hat der Versandhändler Amazon die Branche mit seiner Lese-Flatrate geschockt. Wahre Leser wollen ihren Kopf nicht mit dem digitalen Grabbeltisch vollstopfen. Sie wollen das besondere Buch, vielleicht sogar eins, das nur gedruckt funktioniert. Hier sind zehn Bücher, die uns auffielen. Ihr Buchhändler hat sie vielleicht nicht vorrätig. Aber wenn er sein Geschäft versteht, besorgt er sie Ihnen.

1. Der tschechische Zeichner Miroslav Sasek schuf in den 1960er Jahren wunderbare Bildbände, Porträts großer Städte. Der Kunstmann Verlag bringt sie neu heraus. Es ist eine Augenweide, mit Saseks fein ironischen Bildern durch „New York“ zu flanieren. Sasek schwärmt hemmungslos. Da stößt die Zigarettenreklame am Times Square Rauchringe aus, er schwelgt in der Perspektive der Park Avenue, und immer wieder grüßt die Skyline. Der Zeichner blickt auch auf kleine Dinge wie die jiddische Metzgerei, den Hot-Dog-Verkäufer und die vielen Automaten. Für die, die es genauer wissen wollen, gibt es Erläuterungen zu „New York heute“.

M. Sasek: New York. Verlag Antje Kunstmann, München. 64 S., 16,95 Euro

2. Noch eine Reise: Ursula Ehring-Ciquéra führt den Leser in die Metropole des 19. Jahrhunderts zu einem „Rendezvous mit Meyerbeers Paris“. Die französische Hauptstadt war ein Fixpunkt für die musikalische Szene von Meyerbeer über Offenbach bis zu Richard Wagner. Die Autorin gibt Szenen und Lebensabrisse von Virtuosen und Komponisten wie Louis Spohr, Clara Schumann und Henriette Sontag, und sie spart neben den musikalischen Verdiensten das Private nicht aus.

Ursula Ehring-Ciquéra: Rendezvous mit Meyerbeers Paris“. Verlag Neues Literaturkontor, Münster. 157 S., 16 Euro

3. Borg und Romanov sind das neue Dreamteam des Regionalkrimis. Die beiden betreiben die Detektei Mystica in Dortmund. Borg leidet an Diabetes, geht aber virtuos mit dem Dietrich um. Romanov legt Tarotkarten, kennt Zaubertricks mit Katzen und Fledermäusen und imitiert Stimmen. In Markus Niebios’ Roman „Kopflos im Kofferraum“ geht es um eine unbekannte Krebsart, einen ans Hakenkreuz geschlagenen Türken und den Kopf von Borgs Klient, der aus dem Kühlschrank fällt. Außerdem mischt sich Zenker ein, die Herrscherin des Treppenhauses. So durchgeknallt die Ermittler daherkommen, so punktgenau schildert der gebürtige Dortmunder Niebios seine Stadt. Der Humor ist extratrocken, die Sprüche überkess und man erfährt, wie man heil aus einem Tigerkäfig entkommt.

Markus Niebios: Kopflos im Kofferraum. KBV Verlag, Hillesheim. 288 S., 9,90 Euro

4. 25 Jahre alt wird die Kunststiftung NRW, und das feiert die Institution, indem sie Geschenke macht. Zum Beispiel Lesern mit dem Band „Eigentlich Heimat“, in dem Bettina Fischer und Dagmar Fretter Texte von 29 Autoren des Landes versammelt. Das ist nicht repräsentativ, aber es lässt den literarischen Reichtum des Landes aufscheinen mit bekannten Autoren wie Frank Goosen, Navid Kermani, Judith Kuckart. Selim Özdagan erinnert sich an damals, als die Jungs nur „Playstation, Papers und Gras“ brauchten, Marc Degens erzählt vom „Schreibknast“ in Dorsten, Sabrina Janesch führt uns vom Hauptbahnhof durch Münster.

Bettina Fischer/Dagmar Fretter (Hgg.): Eigentlich Heimat. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. 220 S., 16,90 Euro

5. Russel Strawl ist fast 63, das Gehör lässt nach, die Hände zittern. Strawl war ein Gesetzeshüter, den die Schurken fürchteten. Mit Grund: „Er tötete elf Männer auf der Flucht, weil es unter den jeweiligen Umständen zu mühsam gewesen wäre, sie lebendig zurückzuschaffen.“ Der Held in Bruce Holberts modernem Western „Einsame Tiere“ ist desillusioniert, gebrochen. Einst hat er seine Frau mit der Pfanne erschlagen. Das blieb ungestraft. Jetzt soll er einen üblen Serienmörder fassen. Holberts Roman spielt 1932. Der Börsencrash kommt ebenso vor wie Präsident Franklin Roosevelt. Aber der Westen ist immer noch wild. Und so brutal Strawl vorgeht, so nah bringt ihn die kühle, poetische Sprache dem Leser.

Bruce Holbert: Einsame Tiere. Deutsch von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München. 303 S., 19,80 Euro

6. Fadhil al-Azzawi, geboren 1940 im irakischen Kirkuk, gehört zu den bekanntesten Autoren der arabischen Welt. Seinen 1992 erschienenen Roman „Der Letzte der Engel“ hat er zum Teil in Berlin geschrieben. Aber erst jetzt erscheint er auf Deutsch. Al-Azzawi schildert das Chukor-Viertel in Kirkuk in den 1950er Jahren. Hier lebt Hamid Nylon, der seinen Job als Chauffeur verlor und den Spitznamen erhielt, als er sich der Frau seines Chefs näherte. Und sein Schwager Chidr Musa, der in die Sowjetunion reist, um seine Brüder endlich aus der Kriegsgefangenschaft heimzuholen. Delli Ihsan, der König der Dschinns, kann sich in eine Katze verwandeln. Es gibt einen sprechenden Esel, den Tod, der ein Gebiss trägt, eine Hexe im jüdischen Viertel. Ein handlungssattes, humorgetränktes Buch, das bei aller Fantastik immer die Wirklichkeit des Iraks im Blick hat, einer kolonialisierten, entfremdeten und von Aberglauben und Ideologie geleiteten Gesellschaft.

Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel. Deutsch von Larissa Bender. Dörlemann Verlag, Zürich. 508 S., 24,90 Euro

7. Wussten Sie, dass in Österreich „Seminare für Baumumarmung“ angeboten werden? Auch das notiert Alexander Demandt in seiner Kulturgeschichte „Der Baum“. Eine erste Version des Buchs erschien 2002. Inzwischen, schreibt der Autor, emeritierter Althistoriker in Berlin, sind viele Bäume hinzugekommen. Wenn wir auch längst der Stein- und Eisenzeit entwachsen sind, so leben wir immer noch in der Holzzeit. Bei Demandt erfahren wir, dass Axtstiele aus anderem Holz waren (Esche) als Pfeil und Bogen (Eibe). Wir lesen von heiligen Bäumen, Gerichtsbäumen, Obstbäumen. Der ideologische Missbrauch des Naturschutzes bei den Nazis fehlt so wenig wie die Entlaubung durch die USA im Vietnamkrieg. Bei aller professoraler Nüchternheit schreibt Demandt sehr verständlich und vermittelt die Faszination des Themas.

Alexander Demandt: Der Baum. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien. 471 S., 29,90 Euro

8. Dass Axel Prahl von der Waterkant stammt, verleugnet er auch in seiner Rolle als Kommissar Thiel im Münster-„Tatort“ nicht. Jetzt hat der Schauspieler ein Buch herausgegeben. Unter dem Titel „Wilde Welle“ hat er wahre Geschichten von Kapitänen zusammengestellt. In dem abenteuerlichen Lesebuch geht es meistens ums Überleben, um die Umsegelung von Kap Hoorn, um einen Monstersturm oder eine U-Boot-Schlacht im Weltkrieg.

Axel Prahl (Hg.): Wilde Welle. Ankerherz Verlag, Hollenstedt. 200 S., 14,99 Euro

9. Elmar Schenkel wurde der Rucksack gestohlen. Darin waren ein fast ausgelesenes Buch, ein Notizbuch, Kreditkarte, Smartphone. Wenig später fand sich einiges wieder – im Sucht- und Drogenzentrum. Es waren vor allem die unverkäuflichen Dinge. Märchenhaft wendet sich alles zum Guten, auch wenn Schenkel 300 Euro ausgeben muss. Die Kreditkarte lief zufällig am gleichen Tag ab. Das Handy – ein altes Modell. Der Rucksack mit Hundekacke verschmiert. Schenkel gewinnt Erkenntnisse. Über Menschen, denen er begegnete. Über wahre Unersetzlichkeit. Der kleine Text steht im Band „Die Stille und der Wolf“. Der 1953 in Lippetal geborene Autor hat in Leipzig eine Professur für Anglistik. Seine Essays sind Prosaminiaturen, sortiert nach vier neuen Elementen Lehm, Glut, Tinte und Äther. Literarische Alchemie, die dem Alltäglichen das Weltumspannende und -erklärende abgewinnt.

Elmar Schenkel: Die Stille und der Wolf. Persona Verlag, Mannheim. 192 S., 14,50 Euro

10. Richard de Fournival (1201–1260) war Domherr in Amiens und Rouen. Er hatte vom Papst die Lizenz, chirurgische Eingriffe vorzunehmen. Fachleute kennen ihn aber als Dichter. Der Schriftsteller Ralph Dutli hat „Das Liebesbestiarium“ neu übersetzt. Obwohl Richard Geistlicher war, verfasste er ein flammendes Werbeschreiben um die Gunst einer Dame voller Tiervergleiche. Über Tiere schrieb man bis dahin, um Gottes Schöpfung zu preisen. Richard wählt das Wiesel, „das im Ohr empfängt und im Mund gebiert“, das Krokodil, das aus Scham um seine Beute weint, aber auch mythische Wesen wie Einhorn und Sirene, um die Dame zu erweichen. Dazu gibt es weitere Minnelyrik, ein Nachwort Duttlis und ein Beispiel für Früh-Feminismus: Die Antwort der Dame.

Richard de Fournival: Das Liebesbestiarium. Übertragen und mit einem Essay von Ralph Dutli. Wallstein Verlag, Göttingen. 188 S., 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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