Frank Schulz‘ Roman „Onno Viets und der Irre vom Kiez“

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Frank Schulz ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Der Teufel ist los auf dem Ausflugsdampfer Saselbek auf der Außenalster in Hamburg. Ein nackter Ganzkörpertätowierter. „Zwo Meter zwo … Hundertachtundzwanzig Kilogramm Knochengerüst und massive Muskulatur, kein Milligramm davon überflüssiges Fett.“ Bewaffnet mit einem Samurai-Dolch. Ein Überfall, wie man ihn noch nicht erlebt hat.

Der Roman „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ beginnt durchaus wie ein Thriller. Frank Schulz arbeitet auch Genre-Regeln ab. Privatdetektiv Onno Viets erhält einen Beschattungsauftrag: Pop-Titan Nick Dolan glaubt, dass seine aktuelle Flamme, die Burlesque-Tänzerin Fiona Popo, einen anderen Gespielen hat. Es wird im Hamburger Kiez ermittelt, im Milieu der Gangster rund um die Reeperbahn. Es fließt Blut, gibt einen makabren „Augenschmaus“ und eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit Geiselnahme auf dem Hafendampfer.

Aber Frank Schulz unterläuft auch die Erwartungen der Leser. Selten wurde man auf so kunstvolle, angenehme Weise enttäuscht. Frank Schulz gehört zu den sprachmächtigsten deutschen Schriftstellern. Er hat schon Preise gewonnen mit seiner „Hagener Trilogie“ (die sich nicht auf das westfälische, sondern auf Schulz‘ bei Stade liegenden Geburtsort bezieht). Aber so berühmt, wie er es sein müsste, ist er nicht. Vielleicht ändert „Onno Viets“ das, dieser Roman gehört auf Bestsellerlisten.

Schulz verschwendet keine Zeit mit banalen Morden oder Raubüberfällen. Er schildert schlimme Vertrauensbrüche mit bösen Folgen auch für Unbeteiligte. Schulz entwickelt ein geradezu archetypisches Drama. Das beginnt mit der Runde der Tischtennis-Kumpel, denen Onno seinen Berufsplan mitteilt: „Ich glaub', ich werd' Privatdetektiv. Öff, öff.“ Die Vier stehen füreinander ein, das heißt, der Erzähler, ein erfolgreicher Anwalt, stundet dem Totalversager Onno („Neben Onno war Aas emsig.“) auch Kredite in fünfstelliger Höhe. Ein Tollpatsch, dessen Frau Edda ihn nicht trotz, sondern wegen seiner Spinnereien liebt. Aus der heilen Welt der Kneipenkumpanei gerät Onno in die Schickeria, in die Villen der Reichen und Schönen auf Mallorca. Er überhebt sich, und damit beginnt seine Schuld.

Schulz zeichnet tiefenscharf Milieus und Szenarien, zum Beispiel die selbstgenügsame Existenz Onnos und Eddas mit ihrem „gemütlichen Fernsehabend“, der sich nur in der Dosierung von der Fete in der mallorcanischen Villa unterscheidet. Hier zielloses Zappen durch die Trash-TV-Sender und Discounter-Wein. Dort Youporn, Szeneschnaps und Koks satt. Lustvoll verzerrt Schulz die Medienwelt zur Kenntlichkeit. Natürlich ähnelt der Pop-Titan Dolan einem realen Musikproduzenten und Jurychef bis in den näselnden Proll-Akzent. Die V-Girl-Show wird gleich in den Sparten Telefonsex, Porno und Burlesque ausgetragen, was die Demütigungen für Superstars und die Bachelor-Kuppelei nur ein wenig überzeichnet. Das Boulevard-Blatt mit den großen Buchstaben wird „HEZ“ abgekürzt, was die Sache ja auch trifft. In dieser Umgebung wächst dem Leser ein psychisch gestörter Kiez-Schläger ans Herz, die wahren Irren sitzen anderswo.

So etwas erledigt Schulz nebenbei. Er bleibt ganz bei seiner starken Geschichte. Mit einem wunderbaren Sinn für Komik, wo ein von Vögeln zugekotetes Auto „Ford Guano“ getauft wird, es ein „Günther-Jauch-Gymnasium“ gibt und ein „spermatrübes Augenweiß“. Wie die Figuren sprechen, das klingt beim Lesen in den Ohren, wenn zum Beispiel der alte Säufer fragt: „Wie wär‘s mit‘m Glas Scheiseal, Hauptsache dreifach?“ Und wenn Fiona sich entrüstet über den Spanner, der ihr an die „Hupen“ fassen will, klingt das so: „Ich so: oh mein Gott! Ich so nur so gedacht: Ih, wie schräg ist das denn, äy!“ In dieser tieftraurigen Tragödie hat der Leser viel zu lachen. Unterschätzen darf man Schulz deshalb nicht: Mindestens so exakt wie die Töne trifft er die Gefühle. Seine Beschreibungen sind unvergleichlich: Wie er ein Internetvideo von der Dampfer-Geiselnahme in Text übersetzt, das holt kein reales Video ein. Schulz führt den inneren Blick zu den entscheidenden Details: der Plastikfetzen am Teufelshorn, der Schnitt am Hintern, der Hundekopf. Er fügt hinzu, was nicht zu filmen ist, Gerüche zum Beispiel.

Schließlich spielt Schulz virtuos mit Sprache. Seine Prosa hat Groove und Swing, liest sich fast wie Lyrik: „Schräge drückte Onnos Schmuddelford den Schnabel gegen einen der massiven Masten. Anderseits angekettet ein rostiges Damenradskelett mit Plastiktüte überm Sattel.“

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Galiani Verlag, Berlin. 368 S., 19,99 Euro

Das Hörbuch (1 CD, roof) erfreut mit den Stimmen von Karen Duve, Harry Rowohlt, Sven Regener, Rocko Schamoni, ist aber leider stark gekürzt.

Quelle: wa.de

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