Frank Goosens Roman „Sommerfest“

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Neues aus dem Revier: Autor Frank Goosen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Aus traurigem Anlass kehrt Stefan Zöllner zurück in seine Heimatstadt Bochum. Onkel Hermann ist gestorben. Nun muss der Haushalt aufgelöst, Stefans Elternhaus, das der Onkel bewohnt hatte, verkauft werden. Stefan hatte den Absprung geschafft, ein Engagement als Schauspieler und eine Freundin in München. Doch als er erst mal zurück ist im Revier, da kommen die Erinnerungen auf. Und dann trifft Stefan auch noch Charlie, seine Sandkastenfreundin und Jugendliebe.

Frank Goosen, Bochumer und Jahrgang 1966 wie sein Protagonist, legt mit „Sommerfest“ einen neuen Roman über das Ruhrgebiet vor, ein Themenfeld, dem er seit seinem erfolgreich verfilmten Debüt „Liegen lernen“ (2001) treu blieb. Die Handlungszeit des Buchs ist klar definiert: Es spielt am 17. und 18. Juli 2010, an dem Wochenende, als die Autobahn 40 gesperrt und zum „Still-Leben Ruhr“ erklärt wurde, am Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahres. „Ist zwar Blödsinn, aber sehen will ich das schon!“ sagt Stefans Omma Luise.

Goosen schickt seinen Helden auf eine kleine Odyssee durch das Ruhrgebiet und durch die eigene Vergangenheit. Er trifft Toto Starek und Diggo Decker, die Kleinkriminellen aus seiner Schulzeit. Er begegnet Frank Tenholt, der am Museum arbeitet, und seiner schönen Frau Karin, um die ihn alle beneiden. Er kommt auffen Fußballplatz, wo Murat noch mal für die Spielvereinigung, Stefans alten Verein, gegen die TuS antritt, Murat, der bald einen Vertrag für den VfL unterzeichnet, zweite Liga, der Anfang einer großen Karriere. Da wird Goosen romantisch: „Sechs schmale Masten ragen in den Himmel und tragen je zwei starke Scheinwerfer. Kreisligaflutlicht. Stefan erinnert sich an das Gefühl, als er zum ersten Mal unter Flutlicht trainiert hat, als Kind. Fühlte sich an wie Bundesliga, nur auf Asche.“

Dann läuft Stefan noch Charlie über den Weg, der Enkelin des „Masurischen Hammers“, dem Mädchen, das er als Kind unterm Tisch in der Kneipe geküsst hat – und die Erde bebte. Ein Bergschaden riss die Straße auf. Aber immerhin.

Als Roman ist das Buch gescheitert. Goosen lässt seinen Helden zwar zwischen zwei Frauen stehen, zwischen Anka, die sich aus München immer wieder per Handy meldet, und eben Charlie. Aber egal, welche Hindernisse der Autor auch dem Paar in den Weg legt – wir wissen, dass sich am Ende die Richtigen kriegen. Was dem Konflikt irgendwie die Spannung raubt.

Aber Goosen ist ja auch vor allem ein zeitgenössischer Heimatdichter. Wie er das Ruhrgebiet ausmalt, mit Lust an den Kratzern und Dellen, vor allem aber mit großer und unsentimentaler Liebe, das macht eben auch „Sommerfest“ aus. Und wenn auch Toto Starek immer wieder schwadroniert, es gebe Storys hier, und nur hier, die lägen auf der Straße, „die muss man nur aufheben“. Was Goosen auch reichlich tut. Und so gibt es wunderbare Miniaturen aus Gegenden, „die laut und weit hörbar ,Sanier mich!'“ schreien. Wie die vom kahlen, muskulösen Jutta und seiner zahmen Riesenschlange. Oder die von Jessika, die von ihrem „Scheißbruder“ verprügelt wurde und nachts Charlie und Stefan über den Weg läuft.

Mühsam kaschiert Goosen seine Bodenständigkeit mit Ironie, wenn er zum Beispiel über den Westpark an der Jahrhunderthalle schreibt: „Außerdem kann man auf der Anhöhe dahinter super Drachen steigen lassen, und da, wo früher eine eigene Bahnlinie das Eisenerz vom Rhein-Herne-Kanal zu den Hochöfen des Bochumer Vereins gekarrt hat, fährt die Familie heute Fahrrad und freut sich darüber, dass es da wo der Oppa sich früher die Knochen kaputt malocht hat, heute so schön grün ist.“ Ganz nostalgisch lässt sich Stefan die alten Wörter auf der Zungen zergehen, „Hirni“, „astrein“, „Killefit“ und Wendungen wie „echt jetzt“. Und er findet, das sei „bedrohte, schützenswerte Sprache“. Der an den Süden verlorene Sohn findet seine Heimat wieder.

Und so geht es dem Roman irgendwie wie dem Revier mit dem Kulturhauptstadttitel: Ein bisschen zu hochgestochen, übertrieben, durchgeknallt. Aber liebenswert. Echt. Und doch auch wieder schön.

Frank Goosen: Sommerfest. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 319 S., 19,99 Euro

Der Autor hat den Roman als Hörbuch eingelesen, und seine authentische Diktion zum Beispiel bei Toto Starek ist ein Mehrwert (Roofmusic/tacheles).

Quelle: wa.de

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