Frank Behnke inszeniert Schillers „Räuber“ in Münster

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Furchtlose Rebellen: Szene aus der „Räuber“-Inszenierung in Münster mit Ilja Harjes, Isa Weiss, Dennis Laubenthal, Marvin Rehbock und Maximilian Scheidt (von links). ▪

MÜNSTER ▪ Ein bunter Haufen Demonstranten skandiert „Pfui!“ auf der Bühne des Großen Hauses in Münster, fordert „Occupy the sky“ und schwingt Transparente, die das „schlappe Kastratenjahrhundert“ und den Kulturabbau in Münster anprangern. Immer wieder spielt der neue Schauspielchef Frank Behnke bei seiner Inszenierung von Schillers „Räubern“ auf die Kürzungen im Kulturbereich an. Das entlockt dem Publikum ein zustimmendes, wissendes Lachen und gelegentlichen Szenenapplaus. Von Carmen Möller-Sendler

Gekonnt mischt er die Textvorlage mit aktuellen Versatzstücken und verzichtet darauf, die Nahtstellen zu kaschieren: Auch 230 Jahre nach der Erstaufführung hört sich das erstaunlich aktuell an, wenn die Occupy-Anhänger, mit Begeisterung gespielt vom Münsteraner Studentenchor, in ihrem Zweimannzelte-Camp zwischen Megafon-Durchsagen und Sprechchören mit Schillers Worten über den Zustand der Welt philosophieren. Unter ihnen sechs, die Ernst machen: Die schwarz gekleideten Gesellen gründen eine Räuberbande, geführt vom Hauptmann Karl Moor. Doch sein habgieriger, eifersüchtiger – und obendrein wesentlich weniger attraktiver – Bruder Franz hat ihn beim Vater als Taugenichts denunziert, worauf dieser seinen Lieblingssohn Karl verstößt und enterbt. Der lebt fortan als Kopf der Räuberbande, die vergewaltigt, mordet, brandschatzt, und nur ein Zufall führt ihn nach Hause zurück. Dort glaubt Franz den Vater ermordet zu haben und versucht sein Glück bei Karls einstiger Verlobter Amalia (mit Schwung und Frische gespielt von Maike Jüttendonk). Doch die weiß sich seiner zu wehren.

Den Franz gibt Florian Steffens ebenso zerrissen wie gerissen, mitunter sogar fast sympathisch, etwa wenn er ins Publikum steigt und die Zuschauer animiert, ein Werbebanner für sein Franz-Reich hochzuhalten, das er als des Vaters Erbe ausgerufen hat. Gerhard Mohr spielt den leichtgläubigen alten Mann, der um so stärker wird, je schwächer sein Körper ist, mit bewundernswert trotziger Verzweiflung. Und Karl, der Held, dessen alte Fotos Amalia zum Gedenken an den einst so Aufrechten überall verteilt? Er bleibt im Hintergrund, fast blass, gemessen am genussvoll zelebrierten Wahnsinn des Bruders. Strahlende Sieger sehen anders aus. Nur mit seinen Räubern läuft Karl zur Hochform auf. Christoph Rinke (Spiegelberg), Marvon Rehbock (Schweizer), Isa Weiss (Razmann), Ilja Harjes (Schufterle) und Maximilian Scheidt (Roller) gebührt großes Lob als Räuber, denen eine große Bandbreite zwischen Blutrausch und Mordlust am einen und der zärtlichen Verehrung ihre Hauptmannes am anderen Ende der Skala gelingt.

Günter Hellweg hat eine abschüssige Bühne konstruiert, auf deren schwarzer Fläche alle ins Rutschen geraten. In schwarzen Kampfanzügen oder weißen Hemden und Vater Maximilian kurz vor seinem Tod in Schießer Feinripp weiß. Es gibt Blut und gelegentliche rote Rosen, die wie vertikale Dartpfeile niedersausen und im Bühnenboden steckenbleiben.

Behnkes dreistündige Inszenierung bleibt der Vorlage nahe, verzichtet jedoch auf das blutige Finale. Angeschlagen, aber lebendig finden die Hauptfiguren am Schluss in Schweigen zusammen. Ein offenes, ein versöhnliches Ende. Auch für Münster?

27., 29.9., 3., 5., 12., 14., 16., 25., 26., 28., 30.10.,

Tel. 0251/ 5905 100,

http://www.theater-muenster.de

Quelle: wa.de

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