Frank Behnke inszeniert das Musical „The Black Rider“ mitreißend

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Gebannt von den eigenen Tricks: Aurel Bereuter (als Stelzfuß, mit Maximilian Scheidt) im Münsteraner „Black Rider“.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Wenn Stelzfuß seinem Opfer das Herz aus der Brust reißt, dann schlägt es in seiner Hand weiter. Aurel Bereuter lässt seine Finger rhythmisch zucken, und das Orchester zaubert ihm ein Pochen dazu. Dieser eleganten Erscheinung traut man eher das „Willkommen, bienvenu, welcome“ aus „Cabaret“ zu als diabolische Umtriebe. Der Mann in Schwarz umschmeichelt das Publikum und die Mitspieler als charmanter Conferencier. Nur das schwarze Peitschenende, das ihm als Schwänzchen unter den Frackschößen herauslugt, verrät den Teufel.

Frank Behnke inszeniert am Theater Münster das Musical „The Black Rider“. 1990 hatte Meisterregisseur Robert Wilson mit dem Schriftsteller William S. Burroughs und dem Rockmusiker Tom Waits diese schwarze Lesart des „Freischütz“-Stoffs geschaffen. Wie es nach den minutenlangen Premierenovationen aussieht, wird das Stück auch in Westfalen ein Hit.

Das liegt zuerst an der Mischung aus Grusel, Gemüt und Gelächter, die Behnke vielleicht sogar zu gefällig, aber durchaus treffsicher präsentiert. In Münster flimmert von Anfang an fauler Varieté-Zauber über die steile Bühne, in die Günter Hellweg zwei riesige Löcher stanzte – wie Einschüsse unter dem Mikroskop. Im einen Kreis im Boden, von Lichtern gesäumt, erscheint immer wieder die famose Band (musikalische Leitung: Michael Barfuß). Der andere gibt den Durchblick zur Hinterbühne frei, in ihm erscheint zum Beispiel der Erbförster Kuno (Florian Steffens) in einer Maschinerie wie ein Hamster im Rad. Im Bühnenboden öffnen sich Klappen, die mit Blümchentapete und Geweihen dekoriert sind. Vorschein der heilen Försterwelt.

Hier möchte der Schreiber Wilhelm rein, der Stadtmensch, den Christoph Rinke als blonden, reinen Toren gibt, zu naiv für die archaischen Ballermänner, die Geweihe auch am Sakko und am Mieder tragen und durch monströse Frisurgebirge auffallen. Ein idealer Schwiegersohn (Maximilian Scheidt) kommt in der Fellweste daher wie ein Neandertaler. Wilhelm liebt Käthchen, das eine Gans mit sich herumträgt, vielleicht ein alter ego der Schwärmerin, die seufzt: „Wilhelm, lerne schießen!“ Aber dabei stört Hirn, man kann es auch nicht lernen. Nur Stelzfußens Freikugeln helfen, die der Verführer so lange verschenkt, bis Wilhelm nach ihnen süchtig ist. Dann gilt es einen Preis zu zahlen: Sechs Kugeln für dich, eine für mich. Und damit keine Chance für ein Happy End.

Behnke verlegt die Jägerei öfter in die Welt des Jahrmarkts und des Vaudeville. Wenn Wilhelm die magischen Kugeln ausprobiert, ballert er auf seine Mitspieler, die sich Tiermasken aufgesetzt haben und hinter einer Barriere langlaufen wie am Fünf-Schuss-ein-Euro-Stand. Und Stelzfuß dreht pantomimisch die Ziele weiter. Wunderbar greift das Orchester in die Handlung ein, lässt Gelenke des Erbförsters knarren, die Schritte von Stelzfuß schicksalschwer krachen, die puppenhaft zuckenden Schauspieler schnurren wie Spieluhrfiguren.

Die Darsteller werfen sich mit Verve ins Geschehen – und singen auch alle toll. Eindringlich lässt Rinke Wilhelms Wut durchklingen, als er merkt, dass er ohne die Spezialkugeln nicht trifft. Maike Jüttendonk gibt das Käthchen so flirrend ungreifbar, wie es ein pubertierender Backfisch eben ist: Eben kiekst sie wie ein Musical-Blondchen im US-Film und trotzt gegen Papa, dann sitzt sie verführerisch auf einer Baumwurzel und singt lockend ihre Telefonnummer (natürlich die der Theaterkasse, da kann man das Rendez-vous mit Käthchen buchen).

Und Aurel Bereuter begleitet als Stelzfuß ohnehin fast jeden Augenblick in den gut 100 Minuten. Der Mann lässt die Heimtücke beinahe aussehen wie eine Kunst, der man Beifall klatschen sollte. Er windet sich vom Bühnenrand in die Szenen, jongliert mit den Leuchtkugeln, lässt beim pantomimischen Klavierspiel seine rechte Hand allein über die Bühne flitzen. In kleinen Momenten macht diese Figur klar, dass sie alle Fäden in der Hand hat. Das Publikum sieht dem Teufel zu – und lässt sich von seiner Eleganz verführen.

Auch das macht das Lehrstück reizvoll: Man sieht den Triumph der Moral. Aber es leiden die anderen, die auf der Bühne.

5., 14., 21.3., 5., 24.4., 4., 11., 13., 22.5., 7., 15., 24.6.,

Tel. 0251/ 59 09 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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