Frank Beermann dirigiert Mahler beim Klassiksommer Hamm

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Begeisterten mit Mahler in Hamm: Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie ▪

Von Edda Breski ▪ HAMM–Es ist üblich, dass es zum Auftakt des Hammer Klassiksommers das ganz große Klangbad gibt, mit Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ vor zwei Jahren, oder im letzten Jahr mit einem Bernstein/Gershwin-Programm. Dieses Mal ehrte Dirigent Frank Beermann mit dem Eröffnungskonzert Gustav Mahler, dessen 100. Todestag 2011 begangen wird, und er kam zugleich seiner Neigung zu großbesetzter spätromantischer Musik nach, die den Klassiksommer deutlich prägt. Auf dem Programm des Eröffnungsabends in der Alfred-Fischer-Halle stand vor rund 750 Zuschauern Mahlers 7. Sinfonie.

Mahler führte nicht nur ein Doppelleben als Komponist und einer der gefragtesten Dirigenten seiner Zeit, er war auch innerlich zerrissen, und aus dieser Zerrissenheit schuf er seine Form- und Tonsprache. Seine Siebte, genannt das „Lied der Nacht“, ist weniger metaphysisch in Tonfall und Thematik als seine anderen Sinfonien, sondern sie sublimiert in einem Strom nokturner Bilder persönliches (Natur-)Erlebnis und Anschauung. Frank Beermann findet einen Tonfall verhaltenen Drängens, den er in den den „Nachtmusiken“, den Sätzen zwei und vier, zu einem sanften Strömen herabdämpft. Im Kopfsatz steigen Themen in Wellen auf, brechen sich und zerfließen – Beermann lässt das mit der gebotenen Dramatik spielen, verfällt aber nicht der Versuchung, allzu früh aufzutrumpfen. So kommt bei aller süffigen Klangfülle die Struktur der Sinfonie zur Geltung. Dynamisch zieht Beermann erst ganz am Schluss alle Register. Dazwischen gibt er seinen engagierten und durchweg glänzend aufspielenden Musikern Raum für Soli und musikalische Zwiegespräche, aus denen Mahler seine delikaten Klangeffekte erzeugt.

Mahler war ein Janusköpfiger, einer, der zertrümmerte, was er erhielt, weil er im Zerstören noch am Alten festhielt. In seiner Siebten steckt eine ganze Kulturgeschichte: Die Anflüge von klangzerrütteter k-und-k-Idylle im Kopfsatz klingen üppig und morbide, die Streicher der Nordwestdeutschen Philharmonie spielen sogar mit einem Anflug von dem Bombast und Herzschmerz von 50er-Jahre-Filmmusik. Wie eine filmische Abfolge satter Nachtbilder geht es weiter. Im zweiten Satz klingen wie von fern Herdenglocken  – ein Stück, das in Nachfolge der pastoralen Kompositionen der deutsch-österreichischen Musiktradition steht und gleichzeitig eine Neupositionierung darstellt. Die Glocken klingen fast anderweltlich. Das geisterhafte Scherzo lebt von den Glissandoeffekten und einem scheinbar „gepfuschten“ Walzer. Der vierte, wieder fließende, nächtliche Satz ist durch beherrschte Rauschhaftigkeit bestimmt, im Finalsatz prunken Dirigent und Orchester mit einer Glanzentfaltung, die das Nächtliche hinter sich gelassen hat. Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie haben in Hamm in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, wie überzeugend sie sind, wenn sie sich in musikalischen Zwischenwelten bewegen. Mahlers Musik hat Pracht und Puls, zugleich aber auch Schatten und Abgründe. Eine begeisternde Interpretation.

Im Klassiksommer ist das Orchester am 3. Juli wieder zu erleben: Dann dirigiert Frank Beermann Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ in einer konzertanten Aufführung.

Tel. 0 23 81 / 17 55 55,

http://www.klassiksommer.de

Quelle: wa.de

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