Fotos und Videos von Abbas Kiarostami in der Situation Kunst

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Die Natur hinter Wasserschlieren: Ein Bild aus Abbas Kiarostamis Serie „Rain and Wind“, zu sehen in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Die Regenschlieren verstellen den Blick auf die Welt draußen. Wir ahnen nur das Auto vor uns, die Straße, die Bäume. Aber wir stellen uns eine Welt vor. „Rain and Wind“ hat Abbas Kiarostami seine Serie genannt, die er durch die Frontscheibe eines Autos fotografierte. Er verhüllt in diesen Aufnahmen ebensoviel wie er zeigt. Aber es ist das Wetter der Melancholie eingefangen in Bildern der Melancholie.

Kiarostamis Fotos sind in der Ausstellung „Stille und bewegte Bilder“ in der Bochumer Situation Kunst zu sehen. Es ist die erste museale Schau im deutschsprachigen Raum, weitere Stationen werden das Kunstmuseum Wiesbaden und die Kunstsammlungen Chemnitz sein. Gezeigt werden rund 35 Fotos und vier Videoarbeiten.

Der 1940 in Teheran geborene Künstler ist berühmt als Regisseur. 1997 gewann sein Film „Der Geschmack der Kirsche“ die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes. 1999 erhielt er den Jurypreis der Filmfestspiele in Venedig, 2004 wurde er mit dem Praemium Imperiale, dem vom japanischen kaiserhaus vergebenen „Nobelpreis der Künste“, ausgezeichnet. Seine Fotos wurden bereits im Museum of Modern Art in New York und im Pariser Centre Pompidou ausgestellt.

Zur Präsentation in Bochum kam er von einem Filmfestival in New York angereist. Schon Kiarostamis Filme sind oft nicht erzählerisch – in „Shirin“ (2008) zeigt er in Nahaufnahme die Gesichter von Frauen, die einen Film betrachten. Das ist recht nah an der Art, wie er in den Medien Fotografie und Video arbeitet. Eigentlich, erzählt Kiarostami, habe er Maler werden wollen und auch an der Akademie in Teheran studiert. Das sei ihm nicht gelungen, aus Frustration habe er sich der Arbeit mit der Kamera zugewandt. Die Serie „Rain and Wind“ hat ausgesprochen malerische Qualitäten, nicht nur durch die Unschärfe, sondern auch, weil hier fließende Materie abgebildet ist. Die oft fast monochromen Fotos scheinen mit den Variationen einer Farbe zu spielen wie schon Monet in seinen Seerosenbildern.

Die zweite, ältere Serie „Snow White“, ist noch analog fotografiert. Man sieht Bäume und manchmal Tiere in verschneiten Landschaften. Die Bilder sind hart abgezogen, auf grafische Kontraste hin entworfen, so dass man den Eindruck von Zeichnungen hat. Manches erinnert an die Schneeaufnahmen des italienischen Fotografen Mario Giacomelli, nur dass hier keine Priesterseminaristen im Schnee tanzen. Auch seine Videos haben diese kontemplativen Qualitäten. Bei „Five Long Takes“ sieht man 74 Minuten lang fünf lange, unbewegte Einstellungen auf das Meer, eine Strandpromenade zum Beispiel, auf der Menschen flanieren.

Das alles ist von einer zeitlosen, klaren Schönheit. Kiarostami lebt zwar noch in Teheran, kann aber im Iran seit drei Jahren nicht mehr drehen, dort seit 15 Jahren seine Filme nicht zeigen. Sein Film „Like Someone In Love“ spielt in Japan und handelt von einer Studentin, die sich prostituiert, um die Studiengebühren zahlen zu können. Über sein Land und die Einschränkungen äußert sich Kiarostami zurückhaltend und indirekt. So unterstreicht er, dass in seinen Fotos Iran sei und eben nicht, weil die Aufnahmen alles Ortsspezifische ausblenden. Es gehe ihm um die Schönheit der Natur. Iran habe viele Schönheiten, in der Geografie, der Sprache, der Politik. Aber die Natur stehe darüber. Insoweit mag man auch das, was Kiarostami auslässt, als Statement nehmen.

Der Qualität seiner Bilder tut das keinen Abbruch. Sie überzeugen, weil die strengen Kompositionen reich sind an poetischen Valeurs und tiefen Gefühlen.

Abbas Kiarostami. Stille und bewegte Bilder in der SituationKunst, Bochum. Bis 20.1.2013. mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr.

Tel. 0234/ 298 89 01,

http://www.situation-kunst.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 24 Euro

Quelle: wa.de

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