Fotos von Thomas Struth in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf

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Plattform für Tiefsee-Ölbohrungen: Thomas Struth fotografierte „Semi Submersible Rig DSME Shipyard, Geoje Island“ 2007 ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Wuchtig beherrscht die Halbtaucher-Bohrinsel das Bild. Ihre auf Pfeilern ruhende rote Masse erscheint im Hafenbecken der südkoreanischen Insel Geoje wie der gefesselte Gulliver im Reich der Zwerge.

Ein dichtes Netz von Tauen spannt sich um das monumentale Gerät – und bietet dem Betrachter Fluchtlinien. Thomas Struths nüchtern betiteltes Foto „Semi Submersible Rig DSME Shipyard, Geoje Island“ (2007) macht mehr mit dem Betrachter, als ihm nur eine technische Großstruktur zu dokumentieren. Das liegt schon am monumentalen Format des Abzugs, das einem Historiengemälde entspricht: fast 2,80 m hoch, rund 3,5 m breit. Das Bild überwältigt aber auch durch seine Detailfülle. Zwei Männer an Fahrrädern geben dem Bild das Maß.

Thomas Struth, geboren 1954 in Geldern, gehört zu den international gefragtesten Fotografen aus der Düsseldorfer Schule von Bernd und Hilla Becher. Er nahm an der documenta in Kassel und der Biennale von Venedig teil, hatte Einzelausstellungen im Metropolitan Museum in New York und im Prado in Madrid. Seine Bilder erzielen sechsstellige Preise. So kombiniert die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 20 in Düsseldorf lokalen Bezug mit überregionalem Anspruch bei der Retrospektive. Rund 100 der überwiegend wandfüllenden Arbeiten Struths sind ausgestellt unter dem Titel „Fotografien 1978–2010“.

Kuratorin Anette Kruszynski ignoriert souverän die Chronologie und zeigt Werkgruppen, wobei Struth an der Hängung mitwirkte. Das beeindruckt besonders in der lang gestreckten Grabbehalle, die mit den großen Arbeiten der Serie „Paradise“ und den frühen, relativ kleinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Anfangszeit bespielt wird. Bis heute arbeitet Struth ohne Nachbearbeitung und Manipulationen am Computer. Da ist er nah am dokumentarischen Geist der Bechers, die mit Porträts von Industriebauten berühmt wurden. Struth portätierte Straßen. Nicht die Vorzeigeboulevards mit Sehenswürdigkeiten. Er lichtete anonyme Wohnstraßen ab, mit mehrgeschossigen Mietshäusern und parkenden Autos. Auf der Düsseldorfer „Sommerstraße“ (1980) ist sein Standort zwischen Straßenbahnschienen, das Licht ist diffus, kein Mensch ist zu sehen. Struth dokumentiert Wohnverhältnisse: Hinter diesen anonymen Fassaden fühlt sich niemand zuhause.

Welcher Kontrast zu den quadratmetergroßen Farbtafeln der Paradiese, die in den späten 1990er Jahren konzipiert wurden. Die Fotos entstanden in Wäldern in Australien, China, Brasilien, aber auch im Bayerischen Wald. Sie gleichen sich auf den ersten Blick. Zwar zeigen sie die Vegetation mal ganz dicht und undurchdringlich für den Blick, dann wieder wie eine Bühne gestaffelt mit Vordergrund und einzelnen Baumstämmen vor einer Blätterkulisse. Aber stets hat man formatfüllendes Grün.

Struths Bilder haben einen Standpunkt und bringen den Betrachter dazu, einen einzunehmen. Am offensichtlichsten ist das bei den Museumsbildern. Zum Beispiel installierte er in der Galleria dell‘Accademia in Florenz unterhalb von Michelangelos „David“ eine Kamera und nahm das Publikum auf. In Düsseldorf sind die Tafeln in einem Kabinett so gehängt, dass der Betrachter von ihnen umgeben ist. Er steht an der Stelle der berühmten Skulptur, ist das Kunstwerk, das zurückschaut. Es erblickt Touristen in Freizeitkleidung, oft kurze Hosen, in Betrachtung versunkene Kunstfreunde ebenso wie Leute, die sich unterhalten. Und in mancher Brille erblickt man gespiegelt doch, was Struth eigentlich ausgeblendet hat: den David.

Struth hat, bevor er bei Bernd Becher Fotografie studierte, die Malerei-Klasse von Gerhard Richter besucht. So wundert es nicht, wenn seine Fotos malerisch wirken. Das Farbspiel der Grüntöne in der „Paradise“-Serie zum Beispiel, das einen Eigenwert gewinnt, unabhängig von den abgebildeten Pflanzen. Die neueste Werkgruppe befasst sich mit Technik, da besuchte Struth das Atomkraftwerk Würgassen, Max-Planck-Institute für Plasmaphysik und das Kennedy Space Center in Cape Canaveral. Das Kabelgewirr auf „Tokamak Asdex Upgrade Periphery“ (2009) erinnert an die Gemälde Pollocks. Struth lässt den Betrachter die Maßstäbe verlieren, vermittelt das Überwältigende dieser Anlagen. Zeigt „Stellarator Wendelstein 7-X“ eine raumfüllende Anlage oder einen Schaltkasten? Der blaue Handschuh gibt einen Anhaltspunkt. Eigentlich saugen diese Bilder die Orientierung ab. Die Technik, Bildebenen zu überblenden, wendet Struth schon 1995 an, als er das Innere der Kirche San Zaccaria in Venedig fotografiert: Da scheinen sich die Touristen und die Betenden in den Kirchenbänken mit dem Personal der Fresken zu vermischen. Wenn Struth die Familie seines Lehrers Gerhard Richter porträtiert, wählt er Posen der Malerei.

Die Bilder treten oft nüchtern auf. Aber sie zeigen doch politisches Bewusstsein. Wie sich in Lima Siedlungen in die Landschaft fressen, anscheinend ohne jeden Plan, da liefert Struth ein Lehrstück für Irrwege globaler Entwicklung. Die schmucklosen Monumentalbauten aus der nordkoreanischen Stadt Pyongyang erinnern an ein stadtgroßes Gefängnis. Ihre Unwirtlichkeit übertrifft die der Düsseldorfer Straßen um ein Vielfaches, denn hier fehlt zwischen den Häusern alles.

Bis 19.6., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 130

http://www.kunstsammlung.de

Katalog 29,80 Euro, Steidl Verlag, Göttingen

Quelle: wa.de

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