Fotos aus dem Gefängnis von Ansgar Dlugos: „Leben auf Zeit“

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Ein Ruhemoment im Münsteraner Gefängnis: Den Häftling fotografierte Ansgar für seinen Bildband „Leben auf Zeit“. Dlugos

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Der Mann wendet den Blick ab, durchs Fenster, ins Freie. Er hat Pause, offensichtlich, raucht. Er trägt ein dunkles Sweatshirt, eine verschlissene Hose. Denkt er an die Freiheit, die ihm fehlt? Schnell kann man in die Fotografie von Ansgar Dlugos eine Botschaft projizieren. Dabei zeigt er nur eine Alltagssituation im Münsteraner Gefängnis.

Dlugos hat ein Buch gemacht, den schönen Bildband „Leben auf Zeit“, der den Betrachter mit rund 150 Aufnahmen hinter die Mauern blicken lässt. Es ist eine Auftragsarbeit für die JVA. Das Gebäude wurde von 1848 bis 1853 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel errichtet. Die Einrichtung feierte 160. Geburtstag. Die Direktorin Maria Look sprach Dlugos an, den sie von anderen Anlässen kannte. Er ließ sich darauf ein: „Das ist da erste Langzeitprojekt dieser Art in Deutschland.“ Ein Jahr lang fotografierte er hinter Gittern, nicht täglich, aber doch ein bis zwei Tage pro Woche. Es entstand eine Erzählung, die hauptsächlich über die Bilder funktioniert. Der Betrachter durchläuft ein Jahr. Und er vollzieht den Weg nach, den jeder der mehr als 500 Häftlinge macht, von der Aufnahme bis zur Entlassung.

Dlugos sitzt gerade an der Abschlussprüfung, er studiert Fotodesign an der Fachhochschule in Dortmund. Parallel arbeitet er aber schon professionell, macht Mode- und Werbefotografie, Porträts, Reportagen. Dazu fand er spät: 1984 in Münster geboren, hat er zunächst in Köln Sozialarbeit studiert. Aber die Fotografie war seit seiner Jugend seine Leidenschaft. Schon 2002 hatte er den Jugendfotopreis der photokina in Köln gewonnen. 2009 nahm er das zweite Studium auf.

Bei seinem Jahr im Gefängnis bekam der Fotograf einen guten Kontakt zu den Häftlingen. „Ich konnte ja in die Zellen gehen“, sagt er. „Da wurde auch sehr offen erzählt.“ Dlugos fand seine Gesprächspartner „eigentlich nett“. „Die müssen sich mit den Haftregeln arrangieren, die stehen in einem festen Kontext. Da haben die gar kein Interesse, Stress zu machen.“ Auf den Bildern sieht man, was Vorurteile bestätigt: Tätowierungen, Muskelpakete, Machoposen. „Oft sind die selber Opfer. Und jetzt haben sie ganz bürgerliche Wünsche: Familie, Kinder, Ruhe.“

Wie nah Dlugos den Häftlingen kam, das zeigen seine Aufnahmen. Er fotografierte sie unter der Dusche, auf dem Zahnarztstuhl, auf der Liege beim EKG, beim Gebet der Muslime. Und eben auch in der Zelle, beim Videospiel auf der Pritsche. Nur eins sieht der Betrachter nicht: Gesichter. „Einigen der Gefangenen hätte es nichts ausgemacht, wenn sie zu erkennen gewesen wären“, sagt Dlugos. Aber die Gefängnisleitung hatte das vorgeschrieben. Was die Arbeit des Fotografen nicht gerade erleichterte. „Aber sonst wurde alles möglich gemacht“, betont er.

Er behalf sich mit interessanten Perspektiven. Und beim Schachspiel hält ein Gefangener wie in Gedanken versunken die Hand vors Gesicht. Ohnehin sollte und wollte Dlugos keinen reinen Porträtband machen, und auch nicht nur emotionale Bilder, sondern eine Reportage mit vielen Motiven: Szenen, Stimmungen, Architektur. Zwar steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Trotzdem ist unklar, was aus ihm wird. Die JVA zieht demnächst an einen neuen Standort. „Das Personal findet den Bau durchaus gemütlich“, meint Dlugos, „aber die Häftlinge nicht.“ Es ist klar, dass ein so altes Bauwerk, das oft repariert und renoviert wurde, nicht den aktuellen Standards entspricht. So sind viele Zellen einfach zu klein.

Aber die perspektivischen Aufnahmen von Fluren zeigen die architektonische Qualität des Baus. Auch die Lage ist besonders, das Gefängnis liegt in der Innenstadt. Eine Aufnahme zeigt den Blick über die stacheldrahtbewehrte Mauer direkt auf die schicken Giebel der Wohnhäuser.

Im Buch lernt man viele Facetten des Haftalltags kennen. Man sieht zum Beispiel in die Werkstätten, eine Tischlerei, eine Bäckerei, eine Buchbinderei. Ein Häftling bemalt liebevoll ein Spielzeughaus aus Holz. Die Fotos sprechen eigentlich für sich, einige knappe Erläuterungen gibt der stellvertretende Anstaltsleiter Rolf Silwedel.

Erstaunlich ist der Erfolg, den Dlugos’ Buch bislang hat. Mehr als die Hälfte der Startauflage von 2500 Exemplaren ist bereits vergriffen. „Da hat bestimmt jede Gefängnisbibliothek in Deutschland ein im Regal stehen“, meint er. Hinzu kommt das ungewöhnliche Thema – und das Lokalinteresse in Münster. Und es soll weiter gehen. Für das kommende Jahr ist in Münster eine Ausstellung mit den Aufnahmen aus dem Gefängnis geplant.

Ansgar Dlugos: Leben auf Zeit. Verlag Kettler, Bönen. 152 Fotos, 168 S., 19,90 Euro

www.ansgardlugos.de

Quelle: wa.de

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