Fotoklassiker Robert Frank im Folkwang Museum Essen

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Lässiger Blick auf den New Yorker Verkehr: Robert Franks Foto aus der Serie „From The Bus“ ist in Essen zu sehen.

Von Ralf Stiftel ESSEN - Entspannt hängt der Arm aus dem Fenster. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält der Mann eine fast abgerauchte Zigarette. In der Bildmitte steht ein heller Straßenkreuzer. Dies ist die Stadt. Starker Verkehr. Man ist auf dem Weg.

Unterwegs nahm Robert Frank einige seiner stärksten Fotos auf. So wie dieses aus der Serie „From The Bus“. Dabei suchte der Fotograf 1958 in New York aus einem fahrenden Bus seine Motive. Und entsprechend flüchtig fallen die Arbeiten aus, schwarz-weiße Momente der Großstadt, ebenso beiläufig wie aussagestark. Kaum greifbar erscheint der Mann im Anzug mit der Aktentasche unter dem Arm mitten auf der Straße, der sich gerade umwendet. Die Bewegungsunschärfe belebt das Bild, und es öffnen sich Geschichten: Hat er etwas im Büro vergessen? Wurde er gerade gerufen? Zu sehen sind die Aufnahmen in der Ausstellung „Robert Frank, Books And Films, 1947 – 2014“ im Museum Folkwang in Essen.

Robert Frank hat mit seinem Bildband „The Americans“ (1959) einen Klassiker der Fotografiegeschichte herausgebracht. Er definierte mit dem Band das Fotobuch neu. Aus 27 000 Negativen hatte er 83 ausgewählt, die eigentlich ganz ohne Text arrangiert werden sollten. Anders als zum Beispiel bei August Sander, der für die „Menschen des 20. Jahrhunderts“ das Porträt als Medium nahm, gibt es in „The Americans“ Aufnahmen wie das Bild einer Tankstelle an einem Highway („Santa Fe – New Mexico“), auf dem nur fünf Zapfsäulen unter einer Neontafel posieren. Weil es Tag ist, ist die unbeleuchtete Aufforderung „Save Gas“ kaum zu entziffern. Ein Paradox: Ausgerechnet eine Tankstelle fordert zum Benzinsparen auf. Man bekommt den Eindruck eines rastlosen Streifzugs quer durch die Nation. Die Bilder erzählen nicht, verzichten oft auf Pointen und sprechen doch sehr von Bürgern, die beschäftigt sind, im Moment gefangen und ohne den großen Plan.

In Essen sieht man keine der üblichen Fotoausstellungen. Franks Originalabzüge, Gelatin Silver Prints, erzielen auf Auktionen sechsstellige Dollarsummen. Der Künstler ist ein eigensinniger Mann, der dem Kunstmarkt kritisch gegenübersteht. Also wählten Frank und sein Kurator und Verleger Gerhard Steidl eine andere Lösung. Die Ausstellung kommt als Wandzeitung daher. Großformatig sind die Fotos auf Zeitungspapier gedruckt, die drei Meter breiten Fahnen wurden in die Museumsgänge gehängt. Nach Ausstellungsende wird das Material vernichtet. In Essen hat die Schau Premiere, anschließend wird sie in London, New York, Tokio und weiteren Städten gezeigt.

Das passt zum Lebensweg Robert Franks. Er wurde 1924 in Zürich geboren. Sein Vater aber war deutscher Jude und wurde durch das „Reichsbürgergesetz“ der Nazis staatenlos, wie auch der Sohn. Das führte dazu, dass Frank reguläre Ausbildungen und Arbeitsstellen in der Schweiz nicht zugänglich waren. Er erlernte das Fotografenhandwerk – und wurde erst nach 1945 Schweizer. 1947 übersiedelte er in die USA und wurde in New York ein durchaus erfolgreicher Fotoreporter. Nach Abschluss seines Buchs „The Americans“ gab er die professionelle Fotografie auf und wandte sich dem Film zu. Er fotografierte auch weiter, aber nun äußerte er sich nicht mehr in Einzelbildern, sondern in Arrangements und Collagen, in Alben, die später zu Büchern zusammengefasst wurden. Dabei griff er auf seine alten Bilder ebenso zurück wie er Polaroids, Schnappschüsse und Fundsachen zu Tableaus montierte, in die er zuweilen auch noch hineinschrieb.

Zu dieser neuen Ästhetik, die das Flüchtige, Zufällige, Beiläufige mitdenkt, passen die Papierbahnen, auf denen Franks Fotos und Buchseiten arrangiert sind. Man hat ein Lay-Out zwischen Buch, Zeitung und Plakat, und der Text fügt sich zwanglos ein. Einige Kontaktabzüge, auf denen Frank seine definitiven Fotos mit Fettstift markierte, sind vergrößert zu sehen. So kann der Besucher die Auswahl nachvollziehen, ahnen, wie Frank eine Bildidee mit mehreren Aufnahmen gleichsam umkreiste und dann die beste Formulierung nahm. In den „Americans“ zum Beispiel das Bild des Tubaspielers unter der Fahne, dessen Kopf ganz vom Schalltrichter des Instruments verdeckt ist. Oder die beiden sitzenden Frauen, zwischen die sich ein Kind gekuschelt hat. Und einige Originalabzüge bietet die Schau dann doch, Beispiele aus der Folkwang-Foto-Sammlung in einem Kabinett, darunter die Serie „From The Bus“.

Eine solche Fülle an Material zu Frank hat man lange nicht gehabt. Und es wird nachvollziehbar, wie seine Kunst subjektiver, wenn auch nicht unpolitischer wird. Seine Filme bekommt man in einem Vorführraum als Endlosschleife zu sehen. Auch das ein hochattraktives Angebot, schließlich schrieben für seine ersten Werke wie „Pull My Daisy“ die großen Autoren der Beatnik-Szene, Allen Ginsberg und Jack Kerouac. Und seine Dokumentation über die „Rolling Stones“ mit dem provokanten Titel „Cocksucker Blues“ (1972) ließ die Band verbieten, obwohl sie Frank den Auftrag erteilt hatten. Die Szenen um Sex, Drogen und viel Leerlauf schadeten ihrem Image, glaubten Mick Jagger und Co. Fünf Jahre wurde prozessiert. Inzwischen findet man den Film auch auf Youtube.

Bis 16.8., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 444, www.museum-folkwang.de.

Katalog als Sonderausgabe der Süddeutschen Zeitung 2,60 Euro

Quelle: wa.de

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