Foto-Ikonen: Elliott Erwitt in der Galerie Ludwig im Oberhausener Schloss

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Blick vom Rockefeller Center: „New York, USA, 1955“ von Elliott Erwitt. Zu sehen in der Ausstellung „Elliott Erwitt – Fotografie“ in Oberhausen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ OBERHAUSEN–Nur die Ahnung von zahllosen Wolkenkratzern reicht aus, um dem Blick auf New York ein Geheimnis zu geben. Was verbirgt sich am Horizont, was passiert in den Schluchten der Metropole?

Elliott Erwitt fotografierte New York in den 50er Jahren, als die USA die Nummer Eins waren. Wirtschaftskraft, militärische Größe und Demokratie umreißen ein potentes Selbstverständnis. Aber Erwitt zeigt den Stillstand, den atemlosen Moment über den Hochhäusern – in den Wolken. Hier ist eine Frau, die mit ihrem Hut wie ein modisches Rotkäppchen wirkt und den Mythos vom „Big Apple“ in eine Begegnung mit dem Empire State Building dreht. Großartig und hauchzart zugleich.

Solche Eindrücke sind in der Ausstellung „Elliott Erwitt: Fotografie“ zu erleben, die in der Galerie Ludwig im Schloss Oberhausen gezeigt wird. Der US-Fotograf wird mit 140 Arbeiten aus allen Werkphasen präsentiert. Erwitt zählt zu den ganz Großen der Reportagefotografie, zu jenen, die im Augenblick des Bildes einen Kommentar zur Realität visualisieren. Henri Cartier-Bresson gehört dazu, George Roger, David Seymour und Robert Capa, den Erwitt 1948 in New York kennenlernte. Mit den Gründern der Fotoagentur Magnum sollte Erwitt ab 1953 zusammenarbeiten, um später selbst dem Verbund der Fotografen vorzustehen. Es ist ein Motiv seiner Arbeit, das Menschliche auf dieser Welt zu zeigen, egal in welches Land er gerade gereist war. Dieser universelle Begriff vom Humanen weist Erwitt als Magnum-Fotografen aus. Beispielsweise wenn er ein Brautpaar in Sibirien 1967 ablichtet, als sich erschrocken einem jungen Mann zuwendet, der frei und individuell wirkt. Oder das Paar am Meer, dem er 1957 in San Juan in Puerto Rico hinterherschaute. Sie trägt Sandaletten, er einen Anzug. Beide sind unter einem Schirm geeint. Ein pittoreskes, ein humoriges Bild.

Auch wenn einige Reportagefotos von Erwitt das politische Geschehen der Zeit konturieren, hebt ihn vor allem der augenzwinkernde Witz von seinen Kollegen ab. In Rio de Janeiro kombiniert er den Zuckerhut als Felsformation mit zwei Spitzen. Davor hebt ein Taucher beide Flossen aus dem Meer und sorgt für das zweite Doppel im Bild. Mit einer „Leica“ konnte Erwitt schnelle Schnappschüsse machen. Er wusste, dass er in gewisse Szenen reingehen musste, um unmittelbar zu sein. Das verband sich mit dem Motto: „Ich warte auf meine Motive, ich gebe ihnen Zeit.“ 1959 erwischte er Richard Nixon und Nikita Chruschtschow in Moskau, wo markige Sprüche gewechselt wurden. Nixon ließ das Bild im US-Wahlkampf einsetzen, um sein Image als harter Widersacher zu festigen. Erwitt konnte gegen diese Instrumentalisierung seines Fotos nichts machen. Den US-Wahlkampf gewann aber John F. Kennedy.

Erwitt kam 1928 in Mailand zur Welt und wanderte 1939 mit seinen russischen Eltern in die USA aus. Mit 14 Jahren begann er zu fotografieren. Ende der 40er Jahre sollte er Schuhe für das Magazin der New York Times ablichten. Und wer war da nah dran? Hunde, deshalb nahm Erwitt ihre Perspektive ein und sollte fortan kuriose und rätselhafte Hundebilder machen, sein Markenzeichen. „Felix, Gladys und Rover, USA, 1974“ zählt zu den Ikonen, die als Poster millionenfach gedruckt wurden.

Die Ausstellung in Oberhausen ist thematisch sortiert. „Straßen, Landschaften, Stadträume“ verraten, dass Erwitt die Welt gern aus dem Auto aufnimmt. Eine amerikanische Perspektive. Zu sehen sind auch die drei Fotografien, die Edward Steichen für die Ausstellung „The Family of Man“ (1955) auswählte. Steichen war Kurator am Museum of Modern Art in New York. Die Wanderausstellung hatte bis 1961 in 37 Ländern Station gemacht. Erwitt fotografierte seine erste Frau mit Tochter Ellen und Kater Brutus ganz intim – es wirkt wie ein Wimpernschlag zwischen Mutter und Kind. Die Nähe des Tieres gibt der Szene eine weitere Dimension von Harmonie und Vertrautheit („New York, USA, 1953“). Erwitt zielt auch auf das Unerwartete, wenn er zu „Coney Island, New York, USA, 1975“ ein Flugzeug am Himmel und eine Möwe auf einer Laterne kombiniert. Irgendetwas scheint verkehrt und die Komposition wird Gedankengut.

Die Lieblingsbilder des Fotografen sind die Aufnahmen vom Glück, die ihm selbst am meisten Freude bereiten. Als er mit Freunden 1955 in Kalifornien ans Meer fuhr, fotografierte er ein Paar im Rückspiegel eines Straßenkreuzers. Das Lachen der jungen Frau verstrahlt die Hingabe in der Erwartung eines Kusses.

Die Schau

Ein Höhepunkt der Reportagefotografie, witzig, erhellend, empfindsam und amerikanisch.

Elliott Erwitt – Fotografie.

„I am serious about not being serious“ in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen.

Bis 11. September, di-so 11 bis 18 Uhr, Broschüre 4 Euro; Tel. 0208 / 4124928

http://www.ludwiggalerie.de

Quelle: wa.de

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