Folkwang Museum zeigt Plakate: „Mit dem Zug durch Europa“

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So macht Reisen Spaß: Jean-Raoul Nauracs Plakat ist in Essen zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Die Dame in Blau blickt zu uns vom Tee auf. Entspannt sitzt sie im Salon, einem eleganten Herrn gegenüber. Das Gepäck ist sicher verstaut, vor dem Fenster sehen wir die Landschaft vorüberflitzen. So reisten Menschen von Welt in den goldenen 1920er Jahren. Den ganzen Glanz des Fortschritts beschwört Jean-Raoul Naurac 1927 in seinem Plakat für die französische Bahnlinie Nord-Wagons-Lits. Das Werk ist vom Sonntag an in der Ausstellung „Mit dem Zug durch Europa – Plakate für Luxusreisen um 1900“ im Museum Folkwang in Essen zu sehen.

Die Schau weckt mitten im Novembergrau unwiderstehlich Fernweh. Und sie beweist, dass das Haus nicht nur spektakuläre Events wie die Impressionismus-Ausstellung kann. Im Grafikbereich arbeiten die Kuratoren mit der großartigen Sammlung. Rund 70 Plakate aus diesem Bestand führen feine Gebrauchsgrafik und Sozialgeschichte zusammen.

Im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg hatten die Luxusbahnreisen ihre Hochzeit. Sie hatten sich entwickelt mit der 1876 in Belgien gegründeten Compagnie Internationale des Wagons-Lits. Es gab für zahlungskräftige Reisende aus Berlin schnelle und komfortable Verbindungen nach Paris, London, Konstantinopel und nach Ostende an die Nordsee. Allerdings kostete schon die Fahrt nach München mit rund 75 Mark so viel, wie ein durchschnittlicher Arbeiter im Monat verdiente. Was das Museum uns an exotischen Fantasien zeigt, war also einer kleinen Schicht vorbehalten.

Aber die Schau vermittelt verblüffend, wie sich ein besonderes Werbegenre entfaltete. Die ältesten Plakate der Schau zeigen nur Text, sind reine Fahrpläne zu Küstenbädern. Bald aber hübschen opulente Bilder der Ferienziele diese nackten Informationen auf. Der Orient-Express wirbt 1891 mit den Kuppeln und Minaretten Konstantinopels. Der Engadine-Express in die Schweiz montiert Motive einer Bergbahn über dem Abgrund mit dem Blick auf schneebedeckte Gipfel. Und für die Verbindung von Wien nach Neapel wirbt 1911 eine rassige Südländerin mit Musikanten vor der Aussicht vom Meer auf die Stadt.

In den 1920er Jahren feiern die Plakate die Moderne. 1930 wirbt die französische Bahn für die Linie Paris–Lüttich: „367 kms sans arrêt en 4 heures“. Der Transsibirische Express bringt 1930 Touristen in zwölf Tagen in den Fernen Osten – durch das junge Sowjetreich zum Schnäppchenpreis von 250 Dollar in der 1. Klasse. Die Plakate nutzen die Dynamik der modernen Kunst zum Beispiel im Schwung der abstrahierten Schienen beim Motiv „Étoile du Nord“ (1927) oder in der aus der Bildfläche hervorschnellenden Lok von Pierre Fix-Massens Motiv für den Côte d‘Azur Pullman-Express (1930). Eine weitere Gruppe von Plakaten lockt mit dem Reiz der touristischen Ziele, womit oft die palastartigen Grand Hotels zum Beispiel von Monaco gemeint sind. Herrlich exotisch ist aber auch ein Plakat, das für die „Fêtes de Ghezireh“ in Kairo wirbt, mit Kostümierten wie aus den Wandmalereien alter Pharaonengräber.

In den Süden drängte es auch die deutschen Künstler der Romantik, die in einer zweiten Ausstellung vorgestellt werden. Während das Haus 2009 für den Neubau geschlossen war, wurde eine Werkgruppe von Zeichnungen restauriert. Daraus werden 60 zum Teil großformatige Blätter gezeigt, die sich mit der Kunst der Ideallandschaft um 1800 befassen. Die Zeichnungen stammen von Caspar David Friedrich, Philipp Hackert, Adrian Ludwig Richter und anderen. Viele zeigen Motive aus Italien wie das große, farbig aquarellierte Panorama von Salomon Corrodi: „Blick auf Rom vom Monte Mario aus“ (1867). Anfangs dient die Landschaft noch als Ort für mythologische Szenen wie in Joseph Anton Kochs „Herkules am Scheideweg“. Später wenden sich die Künstler mehr der Naturbeobachtung zu. Ein feiner Kontrast zur Werbewelt der Plakate.

Fernwehbilder für die grauen Tage: Mit dem Zug durch Europa und Ideallandschaft und Wirklichkeit

im Museum Folkwang, Essen. 6.11. – 16.1.2011, di – so 10 – 18, fr bis 22.30 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 000,

http://www.museum-folkwang.de

Katalog Plakate 28 Euro, Steidl Verlag, Göttingen.

Quelle: wa.de

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