Florent Sillorays Comic „Auf den Spuren Rogers“

Der Rekrut wird zur Nummer: Ausschnitt aus .

Von Jens Greinke Mein Opa war im Krieg“ – ein Satz, den heutzutage viele Menschen sagen können. Während die meisten die geschichtlichen Hintergründe bestens kennen, wissen die wenigsten um die Geschichten, die hinter dieser schlichten Aussage stecken. Gegenüber der Familie wurde dieser Lebensabschnitt in den seltensten Fällen thematisiert.

So erging es auch dem Franzosen Florent Silloray. In seinem Fall kamen allerdings zwei glückliche Momente zusammen: Zum einen erbte er ein Tagebuch seines Großvaters Roger, das dieser in der deutschen Kriegsgefangenschaft geführt hatte. Zum anderen nahm er dieses zum Anlass, es zur Grundlage einer bemerktenswerten „bande dessinée“ zu machen.

„Auf den Spuren Rogers“ ist eine bewegende und intensive Geschichte. Rund 55 Jahre, nachdem sein Großvater seine Erlebnisse in der Gefangenschaft fragmentarisch in einem Tagebuch festgehalten hatte, zeichnet Silloray diese nach. Er tut dies mit einem behutsamen und feinen Strich. In einem Stil, der die Schrecken dieser Tage durchaus zeigt, dabei aber ohne Effekthascherei auskommt.

Als Silloray das Tagebuch nach dem Tod seines Großvaters 2007 in die Hände fällt, wird er von den 50 mit einer filigranen Handschrift gefüllten Seiten sofort in den Bann gezogen. Er beginnt eine ausgiebige Recherche und begibt sich auf die Spuren von Roger Brelet, der im September 1939 von der französischen Armee eingezogen worden war und im Mai 1940 in deutsche Gefangenschaft geriet, aus der er 1945 entlassen wurde. Zum Stichtag 1. Januar 1941 waren es insgesamt 2,2 Millionen Kriegsgefangene, die in den „Stammlagern“, den so genannten „Stalags“, im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten festgehalten wurden. Aus diesen Lagern heraus wurden die Häftlinge für den Arbeitseinsatz in industriellen Betrieben, dem Bergbau oder auch der Landwirtschaft her–angezogen. Anhand der Aufzeichnungen seines Großvaters schildert Silloray den Alltag in diesen Stalags mit all seinen Entbehrungen und Qualen.

Während der Lektüre von „Auf den Spuren Rogers“ bewegt sich der Leser auf zwei Zeitebenen. Im Wechsel werden die Erlebnisse des Großvaters während des Krieges sowie die Geschehnisse während der Recherche-Reise seines Enkels durch Deutschland geschildert. So gelingt es Silloray, ein sehr enges, emotionales Band zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu knüpfen. Zudem kontrastieren die teils schrecklichen Erlebnisse des Großvaters in Deutschland mit den meist positiven Erfahrungen, die sein Enkel ein halbes Jahrhundert später auf seiner Reise bis ins sächsische Torgau macht. Silloray verstärkt diesen Effekt, in dem er die Illustration des Tagebuchs in Sepia-Tönen und den Reisebericht des Enkels in Farbe hält. Silloray zeigt, dass trotz der stark belasteten Vergangenheit sich die gegenseitigen Ressentiments in der heutigen Generation arg in Grenzen halten und die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges in beiden Ländern weit fortgeschritten ist.

So ist „Auf den Spuren Rogers“ ein sehr europäisches Werk im Zeichen der endgültigen Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Und sicher eine der empfehlenswertesten Neuerscheinungen auf dem deutschen Comic-Markt in diesem Jahr.

Florent Silloray: Auf den Spuren Rogers. Avant-Verlag Berlin, 106 Seiten, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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