Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ am Westfälischen Landestheater

Kaltes Bad für den Außenseiter Roelle (Steffen Weixler, rechts). Szene aus „Fegefeuer in Ingolstadt“. ▪

CASTROP-RAUXEL–Roelle ist ein Außenseiter, ein Einzelgänger. Er stinke und scheue sich vor kaltem Wasser, sagen die Jugendlichen aus der Clique. Sie hassen ihn und lassen ihn das spüren. Marieluise Fleißers Pubertätstragödie „Fegefeuer in Ingolstadt“ am Westfälischen Landestheater handelt von Ausgrenzung und Zugehörigkeit und verknüpft Gewalt mit religiöser Strenge.

Von Marcel Guboff

Roelle (Steffen Weixler) ist verliebt in Olga (Julia Panzilius). Die wiederum ist schwanger von Peps (Franz Lenski), der bereits eine neue Freundin hat. Olga versucht, ihr Kind abzutreiben. Roelle will mit diesem Wissen ihre Zärtlichkeiten erpressen. Mit der Lüge, der Außenseiter der Vater des Kindes zu sein, zieht Roelle den Hass der Clique auch auf Olga.

Regisseurin Carola von Seckendorff, die in einer Videosequenz auch Roelles streng religiöse Mutter spielt, holt das 1923 verfasste Drama nah an die Gegenwart mit der Drastik von Horrorkino und Schulhofvideos. Gleich die Einstiegsszene ist an Brutalität und Finsternis kaum zu übertreffen: Gefrustet von der Rolle des Außenseiters greift Roelle zur Pistole. Vom Zuschauerrang aus erschießt er die anderen Protagonisten; die Vorderfront der Waffe und das simulierte Blut auf mit Hilfe von Videotechnik auf die Wände projiziert. Im weiteren Verlauf tritt das übrige Ensemble weiß geschminkt als Zombies auf. Mit einer Ausnahme: Olga kehrt als Engel zurück auf die Bühne.

Steffen Weixler spielt einen sehr überzeugenden Roelle. Mit verschlossener Körperhaltung demonstriert er auch optisch die Unsicherheit, Verschlossenheit und Gehemmtheit seines Charakters. Die wechselnden Gefühlslagen von Trauer, Angst, Verrücktheit, Nervosität und Wut wirken authentisch. Verbissen versucht der streng religiös erzogene Roelle, ein Teil der Clique, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Vergeblich.

Julia Panzilius mimt hingegen eine unsichere Olga im weißen Engelskleid. Bei Roelles Erpressungsversuch wirkt sie sogar machtlos. Ihre Aussprache wirkt phasenweise zu perfekt, wenn man an die seelischen Lasten denkt, die ihre Figur trägt.

Der Titel lässt zwar vermuten, dass sich das Geschehen um Roelle und die anderen in Ingolstadt abspielt. Doch das Bühnenbild, vier nichtsymmetrische Wände, unterstreicht, dass der Zuschauer die Ereignisse in die eigene Welt übertragen soll. Zur Untermalung der Gefühlslagen hilft Musik: Kirchlicher Gospel vom Ensemble sowie Partyklänge von Rihanna oder Heavy-Metal-Töne von Rammstein mit den Worten, mit denen sich Olga verabschiedet: „Gott weiß, ich will kein Engel sein.“

An vielen Stellen verwundert es, dass die Inszenierung sich an Zuschauer ab 15 Jahren wendet. Die Thematik ist zwar aus dem Alltag gegriffen, doch besonders aufgrund die vielen religiösen Aspekte und Anspielungen hat das Publikum mit hartem Stoff zu kämpfen, der nicht immer leicht zu entschlüsseln ist. Die Darsteller, insbesondere Weixler, spielen ihre Rollen indes überzeugend.

3., 4., 9., 12.5., 9., 10.6.,

Tel. 02305 / 97 80 20, www. westfaelisches -landestheater.de

Quelle: wa.de

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