Dan Flavin wird als Zeichner in der Bielefelder Kunsthalle vorgestellt

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„Kammermusik I, Nr. 1–7 (für James Joyce)“ zählt zu einer Serie, die Dan Flavin 1959 in einer Sitzung schuf, zu sehen in Bielefeld. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BIELEFELD–Farbige Leuchtspuren akzentuieren die Kunsthalle Bielefeld nach außen, vor allem nachts sind die Licht-skulpturen Dan Flavins zu sehen. Der US-amerikanische Künstler, der mit fluoreszierenden Lichtinstallationen Kunstgeschichte geschrieben hat, wird in einer Ausstellung als Zeichner vorgestellt, dem vor allem eins wichtig war: „Ich liebe es einfach, immer wieder zu zeichnen (mein heiliger Drang)“, schrieb er 1962.

Wie geht das zusammen? Einerseits ist Flavin wegen seiner Leuchtstoffröhren bekannt, andererseits breitet Kunsthallendirektor Friedrich Meschede in der zweiten Etage seines Hauses Papierarbeiten aus, die Flavin (1933–96) selbst zeichnete, in Auftrag gab oder sammelte. Man muss in den hohen Räumen der Architektur Philip Johnsons schon genau hinschauen, um die Details der Exponate zu erfassen. Vorbereitet hat die Schau die Morgan Library & Museum, New York.

Zu erleben ist ab Sonntag ein intensives wie kalkuliertes Werk, das anfangs mit didaktischen Blättern startete. Flavin war in den 50er Jahren als Museumsaufsicht in New York beschäftigt und näherte sich so den großen Namen der Kunst. Eine Kohlezeichnung (1957) lehnt sich an die Studie eines alten Mannes an, die seinerzeit noch Rembrandt zugeschrieben wurde. Flavin ließ sich aber bald vom emotionalen Rausch des abstrakten Expressionismus mitreißen. „Blaue Bäume im Wind“ (1957) zeigt in kurzen Strichen, wie der Sommersturm einen Wipfel in wogende Bewegung versetzt. Die Serie „Der Liebesakt I–V“ (1959) ist auch ein methodischer Beleg, das Flavin fortan seriell denkt und arbeitet. Die Farbkollisionen und -vermischungen sind ein bisschen Action Painting. Es geht im „Liebesakt“ vor allem um die körperliche Initiative des Künstlers. Dieses unablässige Arbeiten verdeutlicht die Serie „Kammermusik“ (1 bis 7, 1959), bei der Flavin die Farbe mit den Fingern um die Liebesgedichte von James Joyce streicht. Es passierte in einer Sitzung und war gedanklich an eine neue Kunstform, die Performance, angelehnt.

Dan Flavin hatte sich mit der New Yorker Avantgarde der 50/60er Jahre entwickelt. Auch sein gestischer Malduktus war typisch für die Zeit. Mit der ersten Diagonalen auf einer Wand, sollte der US-Künstler am 25. Mai 1963 Geschichte schreiben. Später kam die Leuchtstoffröhre dazu, sie war gelb, und so erhielt die Farbe mit dem industriell gefertigten Leuchtmittel einen neuen Zustand.

Zu der Abstrahierung kommt Flavin über seine Icon-Zeichnungen. Dabei kombinierte er das Quadrat, als Malewitschs Urform des Abstrakten, mit Glühbirnen und Leuchtstoffröhren, die er auf das Strahlen byzantinischer Ikonen bezog. Allerdings waren diese Verbindungen von Flavin ironisch gemeint. Und nur wenige seiner Icon-Zeichnungen, die in Bielefeld zu sehen sind, wurden auch zu reliefartigen Objekten. Aus den Icons entstand letztlich die Leuchtstoffröhre als Lichtträger. Und eine kleine Zeichnung von 1964 zeigt, wie Flavin die Green Gallery in New York mit Leuchtstoffröhren bestückt hatte.

Die Zeichnung war nun auch Planskizze, Erprobung und Gedankenträger für Flavin geworden. Er bewahrte sie auf, datierte sie akribisch und legte Listen über diese Arbeiten an. In Bielefeld liegen sie auch in Vitrinen. Direktor Meschede will noch zwei weitere amerikanische Zeichner in Ausstellungen präsentieren.

Ab den 70er Jahren ließ Flavin Zeichnungen auf Millimeterpapier („Diagramme“) anfertigen, die seine fluoreszierenden Lichtinstallationen dokumentierten. Der Künstler, ganz Minimalist, war dabei nur fürs Konzept zuständig, die Ausführung übernahmen seine Frau Sonja und sein Sohn Stephen Conor, „Für Barnett Newman zur Erinnerung an sein einfaches Problem, rot, gelb und blau“ (1970, 1971). Neben Landschaften- und Porträtzeichnungen schuf Flavin seit den 80er Jahren ein Reihe mit Segelbooten, weil ihn das Segel als Zeichen menschlicher Unabhängigkeit gepackt hatte.

Flavin hatte seit den 50er Jahren Zeichnungen gesammelt: Toulouse-Lautrec, Mondrian, Arp, Grosz, Crawford, Judd, Morris.... Später erwarb er amerikanische Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, der Hudson River School. Vor allem feine Bleistiftzeichnungen der Flusslandschaft liebte er. Dan Flavin lebte seit 1965 im Tal des Hudson.

Die Schau

Überraschender Blick in die jüngste Kunstgeschichte. Wie das Zeichnen einen Minimalisten bewegte.

Dan Flavin. Zeichnen in der Kunsthalle Bielefeld. Eröffnung Sonntag, 16. Dezember, 11.30 Uhr; di-so 11 bis 18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10 bis 18 Uhr; bis 3. März; Katalog 28,90 Euro, im Hirmer Verlag erschienen.

Tel. 0521 / 32999500

Quelle: wa.de

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