Flämische, venezianische Kunst im Bozar Brüssel

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Meisterlicher Ausdruck von Trauer: Giovanni Bellinis „Beweinung“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜSSEL–Zärtlich schmiegen sie die Köpfe aneinander: Maria, Christus und der Heilige Johannes. Der geschundene Erlöser ist tot, bleich die Haut, das Blut strömt aus seinen Wunden. Aber seine Haltung gleicht der eines Lebenden. Giovanni Bellini malte um 1455 diese expressive Beweinung Christi. Sie wirkt so intensiv, weil sie in extremer Nahsicht dargeboten wird. Diese kleine Tafel bietet wahrhaftig eine Vorlage zur tiefsten Glaubensversenkung. Sie vereint den Realismus der Renaissance mit der strengen Haltung der traditionellen Ikonenmalerei.

Das Bild ist zur Zeit im Palais des Beaux Arts in Brüssel zu sehen, dem Bozar. Die Ausstellung „Venezianische und flämische Meister“ bringt einige der schönsten Stücke aus zwei Museen zusammen. Zum einen stellte das Koninklijk Museum voor schone kunsten in Antwerpen 15 Meisterwerke zur Verfügung, darunter Werke von Jan van Eyck, Rogier van der Weyden, Peter Paul Rubens und Jacob Jordaens. Zum anderen leiht die Accademia Carrara in Bergamo rund 50 Gemälde vom 15. bis zum 18. Jahrhundert aus. So entsteht ein paralleler Gang durch die Kunstgeschichte, wobei die Kunst des Nordens und die des Südens in einen erhellenden Dialog treten.

Es ist schon deshalb eine gute Gelegenheit, weil das Museum in Antwerpen zur Zeit wegen Renovierung geschlossen ist. Nun kann man wenigstens zeitweise Meisterwerke wie Jan van Eycks rätselhafte Tafel der Heiligen Barbara sehen, bei der das eigentliche Motiv mit fein nuanciertem Strich gezeichnet ist und nur der Hintergrund gemalt. Oder Rogiers subtiles Porträt von Philippe de Croy (kurz vor 1462). Daneben sieht man ein Porträt Pisanellos von Lionello d'Este (1441), das noch ganz konservativ im Profil gehalten ist. Zu jener Zeit war die Maltechnik der flämischen Meister revolutionär, mit lasierendem Auftrag in vielen Schichten erreichten sie größte Farbintensität und eine überaus lebendige Wiedergabe menschlicher Haut.

Flandern und Italien waren im 15. Jahrhundert auch die wichtigsten Handelsmächte Europas. Und so standen die Regionen in ständigem, auch kulturellen Austausch. Während die Flamen sich die Kunst der Perspektive abschauten, übernahmen die Italiener die Farbkunst und den Blick auf alltägliche Details. In Brüssel erlebt der Kunstfreund einen Dialog der Malerschulen, die sich fein steigern.

Nicht jedes Bild aus Bergamo erfüllt höchste Qualitätsansprüche, so kommt der prächtigste Tizian aus Antwerpen, eine repräsentative Darstellung des Borgia-Papstes Alxander VI mit dem Bischof von Paphos vor dem Heiligen Petrus (ca. 1510). Und bei den Leihgaben aus Antwerpen hätte man sich noch ein wenig mehr Fülle gewünscht, mit Memling zum Beispiel hätte man das Wechselspiel der Bilder noch anregender gestalten können.

Gleichwohl bietet die Schau einige Höhepunkte. Man schaue nur auf die ornamental überladene Madonna mit Kind von Carlo Crivelli (ca. 1482/83) oder das strenge Porträt eines Mannes von Vittore Carpaccio (ca. 1495), auch konservativ im Profil. Es gibt prachtvolle Porträts von Cariani und Marco Basaiti. Und besonders im letzten Raum, schon im 18. Jahrhundert, findet man noch einige Höhepunkte der italienischen Meister: Eine Venedig-Ansicht von Canaletto, zwei herrlich dynamische Ölskizzen von Giovanni Battista Tiepolo, einige feine Szenen aus Venedig von Francesco Guardi, und schließlich eine geisterhafte Szene mit Maskierten aus dem Karneval von Pietro Longhi.

Die Schau begnügt sich nicht mit alten Meistern. Mitten zwischen die Renaissance-Madonnen sind zwei Skulpturen der belgischen Gegenwartskünstlerin Berlinde de Bruyckere inszeniert, Skulpturen, die menschliche Körper nachempfinden, freilich als verstümmelte, geschundene Torsi. So liegt bei der „Pieta“ der nackte arm- und kopflose Körper nicht geborgen auf dem Schoß der Mutter, sondern auf einem Kissenlager. Leid und Trauer finden hier einen abstrakteren, aber nicht minder intensiven Ausdruck als bei Bellini.

Die Schau

Ein Dialog italienischer und flämischer Meister vom 15. bis ins 18. Jahrhundert aus zwei bedeutenden Museen: Venetian and flemish masters im Bozar, Palast der schönen Künste, Brüssel. Bis 8.5., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0032/ 2/ 507 82 00

http://www.bozar.be

Katalog (nl., frz.) 39,90 Euro

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221 / 270 97 70;

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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