Der „flämische Raffael“: Das Museum M in Leuven stellt erstmals Michiel Coxcie vor

+
Eine lebensnahe Szenerie zwischen Renaissance-Säulen: Michiel Coxcies Darstellung der Heiligen Sippe kam aus dem Benediktinerstift Kremsmünster nach Leuven.

Von Ralf Stiftel LEUWEN - Unerhört war, wie Michiel Coxcie 1540 seinen Zeitgenossen die Heilige Sippe zeigte. Nicht mehr als erhabene Gestalten mit Heiligenschein, vielleicht gar auf Goldgrund, malte er Maria, das Christuskind und ihre Familie. Sondern als lebendiges Durcheinander alltäglicher Menschen, die sich anschauen, miteinander sprechen, mit sich beschäftigt sind. Das fast zweieinhalb Meter hohe Mittelstück eines Altars weckt die Illusion, dass man unmittelbar vor den Heiligen stehe. Coxcie hatte in Italien die Regeln der Perspektive gelernt. Er zitiert mühelos die Säulenformen der Antike. Das war Avantgarde im Flandern des 16. Jahrhunderts.

Das Bild ist im Museum M im belgischen Leuven zu sehen. Es widmet dem Künstler die erste Retrospektive überhaupt. Als „flämischen Raffael“ priesen die Zeitgenossen Coxcie, der fast das komplette Jahrhundert erlebte. Geboren wurde er um 1499 wahrscheinlich in Mechelen. Er starb 1592 in Antwerpen, bei der Arbeit: Er fiel vom Gerüst im Rathaus, wo er ein Wandbild vollenden wollte. Produktiv war er, berühmt und gut bezahlt als Hofmaler der Habsburger. Für Philipp II. fertigte er eine Kopie des Genter Altars an und erhielt dafür 2000 Gulden, ein Vermögen, das 42-fache Jahresgehalt eines Handwerkers. Rubens besaß und studierte intensiv Zeichnungen von Coxcie. In der Ausstellung sind zwei Blätter zu sehen mit Retuschen des Meisters.

Heute ist Coxcie längst nicht mehr so berühmt. Mit der Ausstellung versucht das Haus eine Neubewertung einzuleiten. Coxcie galt lange als Kopist, handwerklich geschickt, aber wenig originell. Vor allem ab dem 19. Jahrhundert sahen Kunsthistoriker Coxcie als Vertreter des Niedergangs zwischen den Höhepunkten der flämischen Kunst wie van Eyck und van der Weyden im 15. und Rubens im 17. Jahrhundert. Außerdem wurden viele der besten Werke des Künstlers vernichtet, als 1566 die Bilderstürmer in den Niederlanden tobten. Erhalten blieben aber die Wandbilder, die Coxcie danach noch schuf und die oft von seiner Werkstatt ausgeführt wurden, Werke, die unter dem Niveau des Meisters blieben. Dabei war es keine geringe Leistung, die Errungenschaften der italienischen Renaissance mit den Eigenarten der flämischen Malerei zu verschmelzen. Er machte den Barockmeistern das Handwerkszeug zugänglich, die Themen der Antike, den Illusionismus des Raums.

Das belgische Museum ist prädestiniert für die Schau, besitzt es doch selbst zwei große Triptychen des Künstlers. Mehr als 50 zum Teil monumentale Arbeiten zeigt das Haus, darunter Leihgaben aus dem Prado und dem Escorial in Madrid, dem British Museum in London, dem Rijksmuseum in Amsterdam. Erstmals sieht man auch Coxcies Kopie des Genter Altars wiedervereint. Die einzelnen Tafeln gehören heute Museen in Brüssel, München, Berlin und Zaragoza.

Coxcie mangelte es nicht an Selbstbewusstsein. Immer wieder porträtierte er sich selbst als Heiligen oder Helden, mal auf einem Altarflügel als Heiliger Georg (ca. 1575), mal als Ritter auf dem Genter Altar, von dem er eben keine plane Kopie schuf. Er fügte in seiner Version „Verbesserungen“ ein. Er hatte zwischen 1530 und 1540 in Rom gelebt, im direkten Kontakt mit Raffael und anderen italienischen Meistern. In Leuven sieht man unter anderem eine Serie von 32 Kupferstichen, deren Zuschreibung lange unklar war. Manche Kunsthistoriker glaubten gar, dass Raffael die Vorlagen geschaffen habe. Das Team um Kurator Koenraad Jonckheere aber sieht Coxcie als Schöpfer der Vorlagen. Und mit einer erotischen Serie über die Liebesaffären Jupiters erweist sich Coxcie ebenfalls als kreativer Kopf. Leda und den Schwan stellt er unter freiem Himmel dar, durchaus physisch-sinnlich, aber für heutige Betrachter harmlos. Seine Darstellung des Raubs des Ganymed könnte ein Gemälde von Rubens inspiriert haben, wie man dem Katalog entnehmen kann. Wie der überlebensgroße Adler den Jüngling mit einem Flügel umfängt, das ist in beiden Werken sehr ähnlich ausgeführt.

Der vielseitige Coxcie wird nicht nur mit Gemälden und Zeichnungen vorgestellt, sondern auch als Entwerfer großer Bildteppiche. Ein großer Karton, der als Vorlage für einen Teppich diente, zeigt den Feldherrn Scipio, der in Afrika landet.

Bis 23.2.2014, fr – di 11 – 18, do bis 22 Uhr, mi geschlossen.

Tel. 0032/ 16/ 27 29 29, www.coxcie.be,

Katalog (nl./engl.) 49,90 Euro

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare