Filmstoff auf der Opernbühne: Hagen zeigt „Lola rennt“

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Lola (Kristine Larissa Funkhauser) fordert Geld von ihrem Vater, einem Bankdirektor. Szene aus der Hagener Operninszenierung.

Hagen - Geld. Viel. Schnell. So knapp und drängend wie Lolas Anliegen ist das musikalische Material, mit dem der Komponist Ludger Vollmer ihren Wettlauf gegen die Zeit auf die Opernbühne bringt. Ein Metronom klackt, Woodblocks schlagen den Sekundentakt, kleine Streicher-Patterns brauen minimalistische Spannung. 1998 war das im Kino ein großer Wurf: Tom Tykwers „Lola rennt“ mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen. Am Theater Hagen, wo Roman Hovenbitzer das Werk inszeniert, ist der Eindruck zwiespältig.

Librettistin Bettina Erasmy dekoriert die rasante Räuberpistole (Uraufführung: 2013 in Regensburg) mit philosophischen Gedankenschleifen, in denen es um Zeit, Augenblick und Ewigkeit geht – soweit das akustisch überhaupt ankommt.

Dieses Manko gilt auch für die Dialoge zwischen Lola und Manni, wenn Vollmers Musik den Schlagwerk-Puls entschleunigt und umschaltet in einen spätromantischen Pathos-Modus mit pastosem Chor- und Orchesterklang. Hier dröhnt es nach Mahler, dort klingt ein gregorianischer Choral an, oder es blubbert sphärisch. Dass Vollmer auf eingängige Effekte zielt, bestreitet er gar nicht, und David Marlow dirigiert das Philharmonische Orchester Hagen mit großer Umsicht durch die wechselnden Klimazonen. Allerdings ragt das Werk kaum über einen Soundtrack hinaus. Vollmer legte bereits einige Kino-Adaptionen vor; seine Oper nach Fatih Akins Migrationsdrama „Gegen die Wand“ war vor drei Jahren in Hagen zu sehen.

Die Handlung wird hingegen packend auf die Bühne gebracht. Manni hat in der U-Bahn die Tasche mit 100 000 Mark liegen lassen. In 20 Minuten muss er das Geld bei einem Hehler abliefern, sonst ist er tot. Lola wird das Geld besorgen, ihr Vater ist Bankdirektor: „Warte!“ ruft sie ins Telefon. Drei Varianten werden durchgespielt, einmal stirbt sie, dann stirbt Manni, dann könnte alles gutgehen – wenigstens für die Beiden. Eine drehbare mehrstöckige Spirale auf der gegenläufig rotierenden Bühne (Ausstattung: Jan Bammes) setzt Chor und Solisten in Bewegung. Lola klettert und rennt, und Kristina Larissa Funkhauser zeigt keine Konditionsprobleme – obwohl sie als grippekrank angekündigt worden war. Sie gibt mit festen Timbre eine taffe Lola. Ihre langen, leuchtenden Töne in den intimem Zwischenduetten brauchen kaum Vibrato.

Das Hagener Ensemble zeigt eindrückliche Figuren: Raymond Ayers gibt den Manni mit höhensicherer Panik. Ulrich Schneider markiert Lolas Vater, einen Bankdirektor, mit hölzerner Akkuratesse, und Maria Klier als seine Geliebte keift sich durch die schrillen Koloraturen ihrer Partie. Michail Milanov als Obdachloser kann nichts für die süßliche Selbstmitleidsarie, die ihm auferlegt wurde.

Die Produktion überzeugt vor allem dann, wenn „Lola rennt“ als nüchterne Versuchsanordnung gezeigt wird. Simpel, improvisiert und ein bisschen altmodisch wirken die Bühneneffekte, für die zwei Tageslichtprojektoren sorgen (Krista Burger). Sie werfen Bankbilanzen an die Wand, projizieren die verbleibende Zeit oder Comic-Effekte: Drei Einschusslöcher neben ihrem Vater, wenn Lola ihrer Geldforderung Nachdruck verleiht.

Quelle: wa.de

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