Filmmaterial einer jüdischen Familie aus der NS-Zeit

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Überlebt: Brigitte und Walter Gumprich nach ihrer Flucht aus Deutschland, ca. 1942/43. Bild aus der DVD „Zwischen Hoffen und Bangen“. ▪

MÜNSTER–Die Stationen des Films sind im wahrsten Sinne des Wortes „erfahrbar“: die Grevener Straße Nummer 6 in Münster, die Promenade, die Altstadt, der Prinzipalmarkt. Von Frank Osiewacz ▪

Dennoch ist das, was die Dokumentation „Zwischen Hoffen und Bangen“ in einer halben Stunde zeigt, aus heutiger Sicht in seiner gesamten emotionalen Tragweite, der Bedeutung für die Beteiligten kaum nachspürbar. „Zwischen Hoffen und Bangen“ heißt das Zeitdokument, das jüdische Schicksale in Münster anhand von privaten Filmaufnahmen aus den Jahren 1937 bis 1939 dokumentiert. Das Film-Material der jüdischen Familie Gumprich, das der Dokumentation zugrunde liegt, gilt als bundesweit einzigartig und erscheint heute beim LWL-Medienzentrum für Westfalen erstmals als DVD. Das Datum ist nicht zufällig gewählt, denn die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war die Reichspogromnacht.

Der Münsteraner TV-Journalist und Filmemacher Markus Schröder (50) hat das Material bereits 2003 zu einem Beitrag für den LWL bearbeitet. Jetzt wurde es ergänzt durch ein aktuelles Interview vom Sommer 2010 mit dem Zeitzeugen Hans Kaufmann, der Ende der 1930er Jahre als Jude seine Kindheit in Münster verbrachte und nun in Schweden lebt. Darüber hinaus gibt es auf der DVD didaktisches Material für den Unterricht in Schulen.

Die Geschichte dieses beispiellosen Zeitdokuments beginnt 1988. Damals nahmen die Historikerinnen Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht Kontakt zu jüdischen Emigranten auf. So stießen sie auf Walter Gumprich, Sohn des jüdischen Kaufmanns Siegfried Gumprich, der mit seiner Familie bis zum 28. August 1939 an der Grevener Straße 6 in Münster lebte, ehe er über die Niederlande nach Schottland emigrierte. Walter Gumprich, der inzwischen in Kanada lebt, stellte die privaten Filmaufnahmen seines Vaters zur Veröffentlichung zur Verfügung.

Als Markus Schröder, der Kontakt zu den Historikerinnen hatte, das gut halbstündige Material sah, war für ihn klar: „Das ist eine Rarität. Daraus muss man etwas machen.“ Behutsam hat er die Bilder mithilfe der Historikerinnen aufbereitet und in den geschichtlichen Kontext gestellt. Denn die Bilder selbst zeigen eine scheinbar heile Welt ohne Hakenkreuze: die Familie beim Spiel im Garten, beim Spaziergang auf der Promenade, im Holland-Urlaub oder bei einem Ausflug am Rhein.

Tatsächlich hatte die jüdische Bevölkerung in der Entstehungszeit der Filme zwischen 1937 und 1939 bereits unter erheblichen Repressalien der Nazis zu leiden. Immer wieder erinnert Schröder daran, spricht gewissermaßen gegen die heile Welt und die scheinbare Idylle der Bilder an. Es wirkt, als habe sich Gumprich mit seinen Bildern ein Stück heiles Vaterland erhalten wollen. „Es muss ein starker Verdrängungsprozess stattgefunden und eine große Liebe zur Heimatstadt gegeben haben“, kommentiert Schröder das Material. „Es zeigt, das Menschen damals sehr, sehr viel ertragen haben, bevor sie an Auswanderung dachten.“

Den Gumprichs ist dies drei Tage vor Kriegsbeginn gelungen. Dr. Julius Voos, in Kamen geborener, letzter Rabbiner Münsters und ebenfalls im Bild festgehaltener Freund der Familie Gumprich, erfuhr ein anderes Schicksal: Er wurde im Januar 1944 mit seiner Frau und seinem Kind in Auschwitz umgebracht.

Zwischen Hoffen und Bangen. Jüdische Schicksale im Münster der NS-Zeit. Ein Film von Markus Schröder. LWL-Medienzentrum für Westfalen. http://www.westfalen-medien.lwl.org

Quelle: wa.de

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