Der Film „Wir die Wand“ erkundet das Phänomen der Fußballfans in Dortmund

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Ein Meer aus Menschen und Fahnen: Szene aus dem Film „Wir die Wand“, der erst im Kino, dann beim läuft. WDR

Von Achim Lettmann DORTMUND - Es ist gut, wenn eine Fußball-Dokumentation mal den Ball flach hält. Gern wird das Spiel auf dem grünen Rasen „bigger than life“ gemacht. Das ist kein Wunder, da der kommerzialisierte Fußball Millionen Summen bewegt und die Freizeitindustrie bedient. Beispielsweise war das „Sommer-Märchen“ von Regisseur Sönke Wortmann so ein Treibstoff für die Fußballisierung der Gesellschaft. Die WM 2006 schnitt Wortmann zu einer Jubelgeschichte zusammen. Auf DVD gibt’s derzeit „Mia san Champions“ von René Hiepen zu kaufen. Das klingt nach Pathos-Bildern zum FC Bayern München, ohne kritische Querschläger.

Mit westfälischer Bescheidenheit feiert „Wir die Wand“ nur ein 2:0 von Borussia Dortmund gegen Mainz 05. Und kommt (fast) ganz ohne Ball aus. Das ist Konzept und hätte auch eine Niederlage werden können. Aber Mainz 05 war am 20. April diesen Jahres auf Talfahrt. Dagegen spielte die Borussia auf Champions-League-Niveau.

Das WDR-Fernsehen drehte mit 16 Kameras im Dortmunder Stadion. Ein 50-köpfiges Team filmte nur die Fans. Klaus Martens erzählt ihre Geschichte eines 90-Minuten-Spiels. Der Regisseur war viele Spieltage auf der Südtribüne unterwegs, um Borussen-Anhänger für seine Doku zu gewinnen. Wer verlässt die Anonymität der Masse? Karin (70) hatte lange überlegt. Nun ist sie zu sehen, in Schwarzgelb und in Siegeslaune. Eine Borussen-Oma, die wie alle anderen ein Teil ihrer Identität der Südtribüne verdankt. Aus dem Off des Films ist zu hören: „Das ist das Leben“, „das macht den Verein einzigartig“, „das ist wie eine Ehe“. Das klingt nicht mal aufgesetzt, sondern aufrichtig. Die Fans beschreiben sich so, und die WDR-Kameras schildern ihren Vergnügungsbetrieb beim Heimspiel.

Elf Borussen kommen zu Wort. Es sind die normalen Leute. Ute (57) ist Sachbearbeiterin aus dem Rechnungswesen, Fabian (27), genannt Borsti, ist Holztechniker und schwenkt Fahnen, Heinz (59), Bergmann im Vorruhestand („Papa vom Block 81“) und Thorsten (31), Ex-Fußballer, hängt seinem Verletzungspech nach. Aber heute sind alle gleich, ist die Kernbotschaft: „Wir die Wand“. Ob Olli (24), Vorsinger und Ultra-Mitglied, oder Mathematik-Professor Mathias (32) – die Südtribüne egalisiert Klassenunterschiede. Patrick, der zum schwul-lesbischen Borussen-Fanclub zählt, hofft, dass die Gesellschaft mehr wie die Südtribüne wird. Bevor er seine Homosexualität entdeckte, war er bereits Borusse.

Konflikte werden indirekt behandelt. Ein Fanclub trägt nur gelbe Jacken, weil auf der Südtribüne „zuviel Schwarz“ zu sehen ist. Die Ultras. Wer Nazi-Parolen drauf hat, meint Bruno (59): „Jahreskarte weg, raus!“ Sie wollen Fußball feiern, und Ute sagt, Ultras sind doch die „Stimmungskanonen“. Sie hat ihre Tochter dabei, Mann und Sohn stehen nicht auf den Ballsport. Später erzählt Karin, dass sie bereits dreimal verheiratet war – auf dem Papier: „Ich lebe mein Leben glücklich für mich.“ Von „Schalke“, apropos die „Blauen“, spricht niemand.

Aber viel geplaudert wird ohnehin nicht. Nur ein paar Eckpunkte aus dem Leben, denn entscheidend is’ ja auf’m Platz, wie Adi Preißler einst sagte. Ein Borussia-Mythos ist mit Nobert Dickel personifiziert. Der Stadionsprecher, der einst mit zwei Toren die Dortmunder zum Pokalsieger 1989 machte, huldigt der Südtribüne. Eine Verletzung zwang ihn, die Karriere zu beenden. Nun ist er stolz, der „Nobby“ zu sein – in Dortmund. „Alle duzen mich“, sagt Dickel (45).

Der Film lässt vor allem das Selbstverständnis der Fans aufscheinen. Ihre Liebe zum Verein macht die Dokumentation sogar ein wenig warmherzig. Spenden für die „Choreo-Kasse“ werden gesammelt, laute Schwarz-Gelbe zur Räson gerufen, etwas von den Behinderten am Spielfeldrand erzählt.

Das ist nett, aber über 90 Minuten ein bisschen langatmig. Die Anspannung in den Gesichtern wiederholt sich, die Beschimpfungen des Gegners auch („Hurensohn“). Und wer pinkeln geht, könnte ein Tor verpassen. Diesmal ist es Heinz, der das zweite nicht gesehen hat. Egal, Hauptsache gewonnen.

Am Ende leert sich die Südtribüne wieder. Angefangen hatte es mit Fabian, der seine Fahne („Treuesymbol“) platzierte und die Ordner begrüßte („na, alles klar?“). Es ist ein Ritual, das die Menschen hält. Und für einige der 25 000 auf Europas größter Stehplatztribüne ist es wirklich „das Leben“. Der WDR hat sie ernst genommen. Ob sie wirklich ein Spiel entscheiden, „wie gegen Malaga“, sei mal dahin gestellt.

Die Premiere wird am 2. September im Dortmunder Cinestar gefeiert. Dort läuft der Film auch vom 5. bis 30. September, außerdem in folgenden NRW-Kinos.

Münster: Cineplex, 9.9.

Hagen: Cinestar, 5.9. und 9.9.

Oberhausen: Walzenlager, 8.9. und 15.9.

Bottrop: Filmforum der VHS, 12.9 und 13.9.

Bielefeld: 5.9. und 9.9.

Espelkamp: Lichtburg, 11.9.

Iserlohn: Cinestar, 5.9. und 9.9.

Köln: Filmpalette, 5.9. bis 30.9.

Der WDR zeigt den Film am 3. Oktober im 21.45 Uhr. Im Anschluss erscheint eine DVD

Quelle: wa.de

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