Der Film „Göttliche Lage“ über den Phoenixsee

+
Eine Begegnung am Phoenixsee: Szene aus dem Dokumentarfilm „Göttliche Lage“.

Von Annette Kiehl DORTMUND - Jeder will die Thomasbirne einmal anfassen. Die Besucher streichen über die Stahlhaut des tonnenschweren Konverters, strecken ihre Hände aus und fühlen die großen Nieten des Industriedenkmals.

Das Relikt aus der ehemaligen Kesselschmiede in Dortmund-Hörde ist der heimliche Star des Films „Göttliche Lage“. Die Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken erzählen darin, wie sich das Gelände des ehemaligen Dortmunder Stahlstandorts Phoenix-West von einer riesigen Industriebrache in ein Luxuswohngebiet am See entwickelt hat. Fünf Jahre lang haben sie die Bauarbeiten beobachtet: Von den ersten Sitzungen der Projektentwickler, Marketingexperten und Architekten bis zur feierlichen Flutung des Phoenix-Sees und dem Einzug der stolzen Hausbesitzer.

Die Dokumentation ist der dritte Teil einer Trilogie über den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Nach Filmen über die Demontage der Kokerei Kaiserstuhl und Auszubildende im Bochumer Opelwerk geht es um neue Perspektiven für einen gebeutelten Dortmunder Stadtteil.

Franke und Loeken arbeiten in „Göttliche Lage“ ohne Kommentare. Stattdessen lassen sie die alten und neuen Bewohner sprechen, die Grundstücksverkäufer, alteingesessenen Hörder Geschäftsleute und eben den Vertreter des Heimatvereins, dem die Thomasbirne gehört. Herr Garth will das Stück vor der Vereinnahmung durch die Seevermarkter retten. Sie haben nämlich vor, den Konverter im Wasser zu versenken, um so die „versunkene Industrie“ zu symbolisieren und obendrein ein Eins-A-Fotomotiv zu schaffen.

Diese David-gegen-Goliath-Geschichte ist typisch für den Film. Denn die gebürtige Dortmunderin Franke und Loeken fragen durchaus kritisch nach den Gewinnern und Verlierern der prestigeträchtigen Stadtentwicklung.

Ihre Sympathien liegen ganz offensichtlich bei den Menschen, die in Hörde ein bescheidenes Leben führen: Die „Kaffeestübchen“-Besitzerin, deren Geschäft durch die Bauarbeiten kaputt gemacht wird. Der Familienvater, der ein altes Wohnhaus hinter den Neubauten renoviert und jenseits aller Gestaltungsrichtlinien aufhübscht. Der Arbeiter des letzten Industriebetriebs, der in gebrochenem Deutsch fragt: „Was bringt mir der See, wenn die Arbeit weg ist?“

Dass der Phoenix-See auch eine Chance für den armen Stadtteil und seine Bewohner ist, wird in dem Film durchaus erwähnt. Die Vorfreude der Schulkinder, die Neugier der Rentner und der Stolz der neuen Seebewohner, bald ein Haus in dieser „göttlichen Lage“ zu besitzen, blitzen immer wieder auf.

Ein Misstrauen gegenüber den Versprechen und Versicherungen von Investoren, Planern und Politikern prägt jedoch den Ton der Dokumentation. Doch diese kritische Haltung wirkt niemals aufgesetzt oder pflichtschuldig und langweilt an keiner Stelle. Franke und Loeken haben die Geschichten rund um den künstlichen See geschickt und unterhaltsam arrangiert, stellen Perspektiven gegenüber und schildern manche Situation schön ironisch. Da ignorieren die Hörder Bürger doch ganz lässig die ausgetüftelten Regeln der Projektentwickler – und springen lustvoll in den See.

Mitunter entwickelt „Göttliche Lage“ sogar eine gewisse Spannung. Wenn es um die Rettung der Thomasbirne geht, zum Beispiel. Dann fiebert der Zuschauer mit dem älteren Herrn vom Heimatverein mit: Kann er das letzte Relikt der Hörder Industrie doch noch vor dem Untergang im See bewahren?

„Göttliche Lage“ im CineStar Dortmund und im Endstation Kino Bochum.

Ab 28. August 2014 im Cinema & Kurbelkiste Münster

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare