Das Festival „Stücke“ in Mülheim bietet politische Dramen zur Gegenwart

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Stacheldraht auf der Bühne: Szene aus Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ vom Thalia Theater.

Mülheim - Anfang der 1990er Jahre: Steffi Graf gewinnt Wimbledon, die Hymne „Smells Like Teen Spirit“ stürmt die Charts und Deutschland bekommt fünfstellige Postleitzahlen. In Jugoslawien bricht ein Krieg aus. Menschen werden zu Opfern und Tätern, flüchten vor Scharfschützen und werden aus ihrer Heimat vertrieben. Die Autorin und Regisseurin Yael Ronen eröffnet ihr Stück „Common Ground“ mit Bilderschnipseln aus dieser Zeit. Es ist ein Projekt über Spuren, Schuld und die Schlagzeilen des Krieges.

Ronen, die aus Jerusalem stammt, hat die Inszenierung für das Maxim Gorki Theater in Berlin mit dem Ensemble erarbeitet. Erinnerungen der Darsteller, die teilweise aus Bosnien, Serbien und Kroatien stammen, vermischen sich mit Rechercheergebnissen einer Reise zu Kriegsorten am Balkan. Die Schauspieler sprachen mit Vergewaltigungsopfern, Verletzten und Kriegsverbrechern. Auf der Bühne erzählen sie mitunter vergnügt Episoden ihrer eigenen grenzüberschreitenden Familiengeschichte. Es sind Fotos der Reise zu sehen, und Interviewfetzen bringen das Leid, aber auch die Absurditäten des Krieges nahe. Darüber steht stets die Frage nach dem „Common Ground“, der gemeinsamen Basis und dem Verbindenden jenseits der Konfliktlinien.

„Common Ground“ war der Höhepunkt der 40. Mülheimer Theatertage „Stücke“. Einmal mehr hinterließ ein dokumentarisches Stück den stärksten Eindruck. Bereits in den vergangenen Jahren zählten gerade Theatertexte zu den Favoriten, die als Außenseiter im Festival zu sehen waren und als kaum nachspielbar gelten.

Sieben Stücke konkurrieren um den Dramatikerpreis (15 000 Euro) sowie um den undotierten Publikumspreis. Im 40. Jahrgang des Festivals dominieren etablierte Autoren, allen voran die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Das Auswahlgremium der „Stücke“ wählte zum 16. Mal einen ihrer Theatertexte für das Festival aus; drei Mal wurde Jelinek in Mülheim mit dem Jurypreis ausgezeichnet. „Die Schutzbefohlenen“ (Thalia Theater Hamburg) zählt zu den umstrittensten Stücken. Nicolas Stemann hat die Anklage zu Europas Umgang mit Asylsuchenden mit Lampedusa-Flüchtlingen inszeniert und überträgt damit Jelineks Dilemma auf die Bühne: Kann und darf eine europäische Autorin über das Schicksal von Flüchtlingen schreiben? „Wer anderen, wie wohlmeinend auch immer, seine Stimme leiht, nimmt ihnen die eigene zugleich weg“, kommentierte Auswahljurymitglied Christine Wahl das Paradox.

Politische Ereignisse bewegen die Dramatiker, das zeigt das Festival. Dirk Laucke, Jahrgang 1982, zählt zu den jüngeren Autoren und hat sich seit der ersten Wettbewerbsteilnahme 2007 mit seinen Gesellschaftsbeobachtungen durchgesetzt. Für das Schauspiel Stuttgart schrieb er „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ und knüpfte an Brechts „Furcht und Elend im Dritten Reich“ und Kroetz‘ „Furcht und Hoffnung der BRD“ an. Laucke seziert in seinen „Szenen aus Deutschland“ Alltagsrassismus und rechtsradikale Gedanken von Privatpersonen und Institutionen.

„Stücke“-Debütant Wolfram Lotz griff mit Joseph Conrads‘ „Herz der Finsternis“ ebenfalls einen literarischen Klassiker auf, um eine Geschichte zu erzählen: Das Stück „Die lächerliche Finsternis“ handelt von einem somalischen Piraten und einem Bundeswehr-Hauptfeldwebel und beeindruckte zum Auftakt in einer so vielschichtigen wie spielerischen Inszenierung des Burgtheaters im Akademietheater Wien.

Felicia Zeller ist in Mülheim bereits durch mehrere Beiträge aus den vergangenen Jahren bekannt. Die in Stuttgart geborene Autorin hat sich trotz Wohnort Berlin ihren schwäbischen Dialekt und Humor erhalten und wird dafür geliebt. 2008 wurde ihr Stück „Kaspar Häuser Meer“ über den Alltag in deutschen Jugendämtern bei den „Stücken“ mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und bescherte Zeller den Durchbruch als Dramatikerin. In „Wunsch und Wunder“ stellt sie den Reproduktionsmediziner Dr. med. Bernd Flause in den Mittelpunkt. Als jovialer Halbgott in Weiß ist der Mediziner unterwegs, um für neue Nachkommen zu sorgen. Wenn der passende Samenspender mal nicht zur Verfügung steht, springt der Doktor selbst ein.

Die Papiertücher aus dem Spender an der Fototapetenwand fliegen in der Inszenierung des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken nur so durch die Praxis. Regisseur Marcus Lobbes hat das Stück als Boulevardkomödie mit einer schier unendlichen Abfolge von Zimmern inszeniert (Bühnenbild: Wolf Gutjahr) und setzt Zellers Kritik auf der Bühne plastisch um: Die Lösungen, die die Kinderwunschmedizin verspricht, ziehen unüberschaubare Probleme nach sich.

Rebekka Kricheldorf unternimmt mit dem „Homo Empathicus“ in ihrem Wettbewerbsbeitrag ein Experiment: Ein Drama ohne Konflikt über einen (scheinbar) konfliktbefreiten Menschen. Dieses Wesen hat Egoismus, Missgunst und die Geschlechterunterscheidung längst überwunden. „Das Mensch“ kennt allein die Glücksmaximierung als gesellschaftliches Ziel und macht niemals Fehler, sondern sammelt stets nur Erfahrungen. Die Inszenierung von Erich Sidler am Deutschen Theater Göttingen spielt die Satire in ihrer ganzen Kuscheligkeit konsequent aus. Mit sanften Blicken streicheln sich die 26 Darsteller, gekleidet natürlich in geschlechtsneutral beiger Kleidung. Fahrt nimmt das Stück jedoch erst zum Schluss auf, wenn die sektenartige Kommune Mordgelüste entwickelt.

Die Mülheimer Theatertage enden am Donnerstag mit der Aufführung von Ewald Palmetshofers Stück „die unverheiratete“ vom Burgtheater im Akademietheater Wien und der Jury-Diskussion um den Preisträger. Im Rahmen des Schwesterfestivals „KinderStücke“ wurde Carsten Brandaus „Dreier steht Kopf“ ausgezeichnet.

Tel.: 0180/6050400,

www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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