Festival „Mord am Hellweg“ startet in Unna

+
Verbrecherische Vorträge: Gregor Weber las in Unna aus Torkil Danhaugs Roman „Feuermann“.

Von Carmen Möller-Sendler UNNA - „Circus Criminale, das erste Zuchthaus am Platz, Fritz Eckenga“ meldet sich der Uniformierte am Telefon. „Ich bin ja nur der Schließer“, erklärt er dem Publikum. In diesem Knast gibt es einen Trakt, in dem Autoren einsitzen, die sich „freischreiben“ müssen und erst wieder raus dürfen, wenn ihr Buch beendet ist. Und der ist so gut gefüllt, dass Eckenga leider den Neuzugang abweisen muss.

„Aber ich setz’ ihn mal auf die Warteliste. Wir lassen demnächst bestimmt wieder so einen Hilfslyriker frei.“ Einen wie den Knastarzt Joe Bausch, der als dichtender Running Gag durch die Show saust: „Chef! Che-heff! Das ist genau mein Thema!“ Eins ums andere Mal hört sich der glatzköpfige Möchtegern-Lyriker, im echten Leben als Schauspieler und Autor erfolgreich, den Verriss des Schließers an: Zurück in die Zelle, nächster Versuch.

Zum siebten Mal findet das Festival „Mord am Hellweg“ in der Region statt – acht Wochen mit 200 Veranstaltungen, Autoren aus 25 Ländern. Und zum Auftakt gibt es traditionell eine Krimi-Gala beim Circus Travados in Unna. Eckenga ist zuständig für die Zugangskontrolle am vergitterten Eingang des „Circus Criminale – Der Knast am Hellweg“. Als Knastorchester intoniert die Jazz-Rock-Pop-Band des Landespolizeiorchesters Krimi-Melodien.

Zu den wichtigen Leuten, die Direktorin Antje Deistler im Krimiknast begrüßt, gehört Landes-Innenministerin Angelica Schwall-Düren, die sich als sachkundig outet: An allen drei Betten, die die Vielgereiste abwechselnd nutzt, liege stets ein Krimi.

Erstes Autoren-Leser-Paar sind der norwegische Psychiater Torkil Danhaug, der lächelnd behauptet, sein Job habe nichts mit dem Schreiben zu tun, und der ehemalige Saarbrücker Tatort-Kommissar Gregor Weber, der mühelos die Bilder aus Danhaugs „Feuermann“ in den Köpfen der Zuhörer entstehen lässt und so fesselnd liest, dass man die Funken knistern hört und jeden Muskel der Pferde im brennenden Stall zittern zu sehen glaubt. Er hat übrigens gerade ein Sachbuch geschrieben, für das er sich als Reservist auf einen mehrmonatigen Einsatz in Kunduz schicken ließ: „Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht’s!“

Glück im Unglück hatte der Schotte Christopher Brookmyre: Weil für ihn eine Ladung zur Preisverleihung des „Scottish Crime Novel of the Year Award“ vorlag, brauchte er nicht im Krimiknast einzurücken, obwohl das sicherlich viele Fans gefreut hätte. Brookmyres deutsche Stimme Ludger Pistor parliert im feinen Zwirn über die Zeiten, als er noch in seiner Recklinghäuser Heimat auf der Kreidler mit den Kumpels ein Zwiebelschnitzel für fünffünfzig essen fuhr – D-Mark, versteht sich. Und liest aus Brookmyres „Angriff der unsinkbaren Gummienten“ eher beiläufig, so, als überfliege er den Text.

Letztes Duo sind der Schwede und Krimi-Neuling Carl-Johan Vallgren, der von sich sagt, dass jedes seiner elf Bücher von einem anderen Autor stammen könnte, weil sie so verschieden sind. Und weil noch kein Krimi dabei war, hat der Autor der „Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe“ diesmal einen Thriller über einen verschwundenen Jungen geschrieben. In Unna wird der „Schattenjunge“ von Wolfram Koch gelesen. Im Januar werden wir Koch wiedersehen – als neuen Frankfurter Tatort-Kommissar.

Festival bis 15.11.,

Höhepunkte: Der europäische Preis für Kriminalliteratur (11 111 Euro). Die Nominierten lesen alle beim Festival: Jussi Adler-Olsen 12.10. Wickede, Simon Beckett 28.10. Hamm, Arne Dahl 3.11. Ahlen, Ian Rankin 22.10. Unna, Robert Wilson 6.11. Dortmund. Abschlussgala am 15.11. in der Rohrmeisterei Schwerte mit Jo Nesbø,

Anthologie zum Festival: H. P. Karr, Herbert Knorr, Sigrun Krauß (Hgg.): Sexy. Hölle. Hellweg. Grafit Verlag, Dortmund. 314 S., 11 Euro. 21 renommierte Autoren schreiben Geschichten, die in der Region spielen – diesmal mit dem Leitthema Sex.

www.mordamhellweg.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare