Fellbälle und Glitterregen: Rock am Ring lockt Fans

NÜRBURG/EIFEL –  Mehr als 90 Bands spielten von Freitag bis Sonntag auf drei Bühnen. In diesem Jahr sind 84.100 Menschen zum Feiern an den Nürburgring gekommen. "Rock am Ring" war wieder einmal Deutschlands größtes Rockfestival.

Von Sabine Fischer

Frankenstein Boris Karloff blickt milde lächelnd auf tropfende Menschenmassen. King Kong scheint aus dem Bühnenraum gestürmt zu kommen, um sich davon zu überzeugen, dass das berüchtigte Rock-am-Ring-Wetter mitten in der Nacht mit klatschender Härte zuschlägt, und Untote blecken angesichts der abgesoffenen Musikliebhaber die Zähne. Wo Rob Zombie spielt, versammelt er Gestalten der Nacht um sich und zuweilen auch vor der Bühne. Das Gesicht zur Fratze erstarrt, schüttelt der Zombie die erstaunlich volle Mähne und setzt an zum apokalyptischen Ritt über die Bühne. In der Maske des Gruftbewohners steckt Robert Bartleh Cummings, Regisseur und Filmemacher, der virtuos seine Liebe zur Rockmusik mit seinem Faible für bewegte, zuweilen extrem schräge Bilder kombiniert. Auf den Videoleinwänden verschmelzen Rob Zombies zu Fellbällen, die durch unendliche Weiten sausen, um sich neu zu Gesichtern des Grauens zu formieren. Mal selbstironisch, mal bissig bis ins Mark funktioniert die Performance wunderbar und Robs EHEC-Anspielung, man möge ihm einen Hamburger reichen, sorgt trotz nasser Füße für gute Stimmung. In Momenten wie diesen rockt der Ring tatsächlich, allerdings sind sie nicht automatisch an der großen Center-Stage zu erleben.

Nach der Riesen-Party zum 25-jährigen Bestehen fehlten dem Traditionsfestival diesmal auf den ersten Blick die Dinosaurier des Rock-Business’. Verhältnismäßig junge Formationen wie Gaslight Anthem füllten die großformatigen Rahmen, die für sie aufgezogen wurden, weniger mit dreckigem Rock denn mit Atmosphäre. Mando Diao rollten nicht nur rote Schärpen samt Teppich aus, sondern drapierten Stehlampe und Streicherensemble drum herum. Die Söhne Mannheims sangen am Samstag, dem zweiten Festivaltag, quasi den Regen herbei und verleiteten ihre Fans zum spontanen Hüpfen – den Tropfen entgegen. Coldplay durchbrachen das minutiös geplante Programm voller Spezialeffekte wie Glitterregen, Bällehagel und Pyromania, um am Klavier ein „Singing in the Rain“ zu improvisieren. Wie viele andere weniger einstudierte denn authentische Gesten wurde auch diese vom Publikum mit Begeisterung honoriert.

Wer das Programm durchforstete, stieß auf Ausnahmeerscheinungen und Fossilien, die in jeder Plattensammlung zu entdecken sind: Die seit über 30 Jahren rockabillysierende Formation Social Distortion etwa, die auf der Hauptbühne erfolgreich um die Gunst noch unbeleckter Konzertbesucher buhlte. Mit einem Muddy-Waters-Intro und im Chicago-Gangster-Style der 30er-Jahre leitete Frontmann Mike Ness den Gig stilvoll ein und lieferte souverän ein zuweilen schaumgebremstes, aber solides Set ab.

Wie White Lies, Korn oder Disturbed halfen Bands wie In Flames dabei, die Rocker-Nische auf der mittleren Bühne einzurichten. Ein nackter Mann, der den Musikern mit den mächtigen Haarkissen am Kinn kühle Getränke serviert und die Ansage des In-Flames-Sängers Anders Fridén „Würde ich in einem Zelt schlafen, ich würde euch einladen, mit mir Sex zu haben; aber ich schlafe in einem Truck“ ließen keinen Zweifel daran, dass hier mit sehr viel Humor und Können Klischees bedient wurden. Wolfmother schlugen ähnliche Töne an und über die Stränge, wie es die Mopp-Köpfe diverser 70er-Jahre-Formationen vor ihnen getan hatten. Das Keyboard als Klettergerüst, Sonnenbrillen des Modells Stubenfliege und recht knapp bemessener Cord-Chic ergaben ein quirliges Stillleben. Das Ganze gepaart mit Reminiszenzen an Meisterwerke wie die des jungen Ozzy Osbourne und der Kontakt zum Publikum ergaben Spaß in seiner reinsten Form und weckten auf angenehme Weise Erinnerungen an vergangene Festival-Zeitalter.

Sehr bemüht wirkten da vergleichsweise die Anstrengungen von Bonaparte, in Ansätzen philosophisch ambitionierte Schock-Bilder zu entwerfen. Minimalistisch bis dadaistisch konzipierter Elektro-Pop traf auf die These „Alle Menschen sind Tiere“. Masken und Kostümwechsel, barbusige Damen im String, die sich gegenseitig beim Ausderhautfahren behilflich sind, Masken wechseln und sich von Musikern in Tierkostümen unterwerfen lassen, vergewaltigt werden und in Gaffa-Tape (Klebeband) verstrickt einen nicht enden wollenden und wenig ansprechend choreografierten Kampf mit sich selbst, den Widrigkeiten und Sinnhaftigkeiten des Lebens ausfechten – das ist weder neu noch eine gelungene Performance, sondern bleibt ein Versuch der Provokation. Der kam allerdings beim jungen und tanzwilligen Publikum recht gut an. Ein bisschen mehr Humor und weniger Sendungsbewusstsein wäre in diesem Fall mehr gewesen – wie das geht, zeigte Rob Zombie nur wenige Meter entfernt, wo mehrarmige Skelette streng genommen nicht nur Mikrofone trugen, sondern auch die Erkenntnis, dass alles endlich ist. Eben auch, die noch auszustehenden Ring-Schauer.

Quelle: wa.de

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