Klassiker packend aktualisiert

Goethes „Faust I“ am Theater Münster

Szene aus „Faust I“ in Münster.
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Gretchen (Lea Ostrovskiy) lässt sich auf Faust (Ilja Harjes) ein, der von Mephistopheles (Jonas Riemer, rechts) geführt wird. Szene aus „Faust I“ in Münster.

Eine imposante, bildstarke und gut gespielte Inszenierung bietet Regisseur Christopher Mehler zu Goethes „Faust I“ am Theater Münster.

Münster – Zwei Hörner schauen aus einem gelben Glitzerstoff hervor, der aus schwindelnder Höhe bis auf den Bühnenboden des Theater Münster zu einem großen schwebenden Dreieck gespannt ist. Gretchen wird Faust begegnen. Magische Kräfte wirken. Und die flirrende wie mächtige Installation von Jennifer Hörr (Bühne/Kostüme) öffnet für einen Klassiker des Sprechtheaters die Dimension des Unbewussten als surreales Schauwerk. Selten ist bei einer Inszenierung von Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“ so auf optische Wirkung gesetzt worden wie in Münsters Großem Haus. Die Inszenierung von Christopher Mehler ist aber nicht optisch überdreht. Der moderne Zugriff auf das meistgespielte deutsche Stück wird über diese starke Bildstrategie mit Goethes Kosmos assoziativ verbunden. Die Geschichte von Heinrich Faust und Gretchen wird auf den Erkenntniswert unseres individuellen Selbstverständnisses verdichtet. Regisseur Mehler gelingt ein imposanter und phasenweise atemberaubender Abend.

Am Anfang wird der „Herr“ aus dem Prolog des Stücks als Statue des Dichterfürsten selbst in Weißgrau und mit Gehstock von Gerhard Mohr in Gang gesetzt. Langsam greift der Dramatiker seinen eigenen Stoff auf und lässt sich auf Mephistopheles ein. Wird Faust als guter Mensch bestehen, wenn der Teufel ihn auf die Probe stellt?

Ilja Harjes spielt die Titelrolle mit bebendem Ernst. Unversöhnlich steht er mit dem Rücken zum Publikum, die Arme wie angebunden, und hebt zu einer Wutrede an. Keine rhythmische Plauderei, kein Sprechspiel mit dem Jamben-Versmaß – Harjes schnauzt sich den Forscherfrust von der Seele. Ein lauter Defätist, der auf den Freitod zusteuert. Es geht um alles. Dräuende Musik verdichtet das Drama, und David Rimsky-Korsakows Komposition öffnet spirituelle Seelenräume für die Inszenierung und schafft eine Atmosphäre des Bedrohlichen. Aus der Tragödie erstem Teil wird schrittweise ein Thriller.

Zur Spannungsstrategie zählt auch der schwarze Vorhang, der in Münster nach jedem Bild herunterschnellt. Die Erwartung wird mit dem einfachen Mittel gesteigert. Und das folgende Bild zum Osterfest zeigt die Kreuzabnahme bis zur Anbetung Christi mit barockem Pathos – wie ein Altaraufsatz, der Trost spendet und die Gemeinde versammelt.

Faust wendet sich wieder dem Leben zu. In Münster erhält er einen Kettenhund vom weißgrauen Herrn überreicht. Jonas Riemer spreizt sich als vierbeiniges Kraftpaket, bis er sich mit elegantem Körperschwung auf zwei Bein stellt und Faust fortan als Mephisto zum Wortduell fordert. Seine fürsorgliche Umarmung besänftigt den geifernden Einzelgänger. Und beim Pakt fließt Blut aus Fausts Unterarm im Spotlicht.

Präzise arbeitet Regisseur Mehler mit den Effekten. Der Bühnenraum ist mit fließenden Stoffbahnen und wenig Licht dämonisiert. Faust mit Augenbinde wird von Mephisto vorgeführt. Ein Soundtrack aus Becken, Schellen und Flöten erweckt das Mysterium der Liebe, so brüchig und unheilvoll wird das Beziehungsdrama angestimmt.

Herrlich gradlinig und saftig spielt Nicola Lembach die Marthe, die sich nach dem Golde reckt. Ganz profan und selbstbezogen sucht sie ihre Vorteile. Das wird kess körperlich, wenn sie Mephisto in die Brust beißt und er tierisch grunzt. Fleischliche Begierden haben in Münster längst die intellektuelle Peilung Faustens abgelöst. Andere bestimmen das Geschehen. Mit Spott und Spaß am wolllüstigen Übertreiben greift Marthe dem Teufel an die empfindlichen Stellen. Als Faust und Gretchen turteln, dirigiert die Kupplerin mit leichter Hand. Läuft.

Gretchen wird von Lea Ostrovskiy als aufrichtige junge Frau gegeben, sensibel, hoffnungsbeseelt und bereit für Leben und Liebe. Sie bewegt sich selbstbewusst und absichtsvoll zwischen all den Mächten, die sie als Gefährdung wahrnimmt. Sie klagt Faust an, dass er mit Mephisto gemeinsame Sache macht. Küsse und Umarmungen folgen – Versöhnung. Aber Gefühle werden in Münster zu einem Unruhezustand, einer Gefährdung wackeliger Existenzen im Halbdunkel. Räkelnde Geister (Rose Lohmann, Julian Karl Kluge) und atonale Orchestermusik spiegeln die Angst des modernen Menschen in Christoph Mehlers zielgerichteter Aktualisierung.

Jonas Riemer hält seinen Mephisto moderat im Hintergrund. Er spielt keine Eitelkeiten aus, sondern wirkt wie ein unbeteiligter Vollstrecker. Den Tod von Gretchens Mutter preist er als Kollateralschaden ein, gleichwohl er das Schlafmittel weitergegeben hatte. Im Duell mit Gretchens Bruder, der die Unmoral seiner Schwester beklagt, führte er Faustens Gewehr. Rotes Licht blendet im Bühnenraum auf. Der Tod folgt. Ein Alptraum entwickelt sich aus Gretchens Sicht.

In der Kerkerszene – Gretchen werden mehrere Ketten um den Hals geworfen – schüttelt und fiebert die Verurteilte, die ihr Kind verloren hat, vor Schuldgefühlen. Lea Ostrovskiy macht den inneren Prozess ihrer Figur sichtbar, indem sie sich im roten Lichtschein expressiv bewegt, wie es ein Ausdruckstanz mehr nicht erfordern würde. Gretchen geht aus sich heraus, akzeptiert die Schuld und stellt sich ihrem Gott, als Beweis ihres freien Willens. Ostrovskiys starkes Spiel überflügelt die Männer und den intriganten Pakt. Faust hadert mit Mephisto („Sie soll frei sein! Befrei’ sie.“) und scheitert erneut. „Heinrich mir graut vor Dir!“, ruft sie durchs Theaterhaus. Selbst die Musik verstummt. Endlich herrscht Klarheit. Es ist das Coming out einer modernen Frau.

2., 3., 5., 8., 13., 19., 24., 30. 10.; 6., 26. 11.; 3., 18. 12.; 14. 2. 2022; Tel. 0251/59 09 100; www.theater-muenster

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