Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ in Münster

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Keine Liebe von Dauer: Szene aus der Münsteraner Fassbinder-Inszenierung „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ mit Claudia Hübschmann (links) und Maike Jüttendonk.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Kein Plüsch. Kein Farbtupfer. Keine Ablenkung. Das Luxusappartment der Petra von Kant ist am Theater Münster ein klinisch weißer Leerraum, in dem Ketten von der Decke hängen wie in einem Fitnessstudio. Hier kann man sich ein Kunsthappening vorstellen. Oder eine Sado-Maso-Sitzung.

Claudia Hübschmann liegt als Petra von Kant auf dem Boden, im knappen Leder-Outfit, Strumpfhosen, nur Haut und Schwarz. Mit anrührender Zärtlichkeit holt die stumme Dienerin Marlene (Carola von Seckendorff) ihre Meisterin aus dem Schlaf. Erst lässt sie eine Kette melodisch klingeln. Dann pustet sie auf die nackte Schulter. Für den Anfang von Rainer Werner Fassbinders Frauendrama „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ hat Regisseurin Bernadette Sonnenbichler treffliche Bilder gefunden. Sie schildert so etwas wie harmonische Sklaverei. Die erfolgreiche Modemacherin befiehlt. Ihre Bedienstete bringt das Glas, das Telefon, was immer. Oder sie zeichnet die Gebieterin überlebensgroß an die Wand.

Fassbinder erzählt in dem Stück, das er 1972 selbst verfilmte, von einer zerstörerischen amour fou. In das Idyll bringt Freundin Sidonie das junge Model Karin Thimm. Ihr verfällt die Erfolgsfrau sofort. Aber das naive kleine Blondchen entpuppt sich als Luder, das nicht treu sein kann, mit Männern ins Bett steigt, am Ende gar zu ihrem Mann zurückkehrt – und sich den Flug noch von der Betrogenen bezahlen lässt. Die verzweifelte Petra verfällt dem Alkohol, stößt Tochter, Freundin, Mutter vor den Kopf, endet einsam.

Hat ein solches Lesbendrama heute noch das Skandalpotenzial wie in jenen fernen Siebzigern? In Münster folgte das das gutbürgerliche Publikum den erotischen Verstrickungen unbefangen. Mutter Valerie von Kant mag schockiert ausrufen: „Du liebst sie? Ein Mädchen?“ Da bleiben die Zuschauer kühl.

Fassbinder erzählt von Liebe und Gewalt. Vom Besitzen- und Beherrschen-Wollen. Und davon, wie das scheitert. Das wirkt durchaus wieder zeitgemäß. Und Regisseurin Sonnenbichler macht vieles richtig in ihrer Fassung, die ihre Künstlichkeit nicht kaschiert, sondern ausstellt. Das beginnt bei der Ausstattung von Valentina Crnkovic, geht weiter beim klugen Einsatz von Musik (Cico Beck). Spannend begleitet Carola von Seckendorff als unglücklich Liebende, als geknechtete Seele, die hemmungslose Anschmachterei Petras an Karin. Da steht sie beiseite und legt ihr Leiden in Blicke, kurze schmerzvolle Grimassen, ehe sie das nächste Glas holt. Sehenswert ist auch Maike Jüttendonk als quecksilbriges Mädchen, das als ahnungslose Bittstellerin eintritt, aber schnell lernt und dann ihre Anziehungskraft ausnutzt. Wie sie in einem Satz abweist und lolitahaft Lockungen piepst, wie sie ihren schwarzen Lover in breitbeinigen Hüpfern imitiert und sofort wieder auf spröde schaltet, das sitzt bis zum Ausruf „Och Petra!“, der so ganz nach 2014 klingt.

Claudia Hübschmann lacht, schlürft, lallt, schluchzt, wälzt sich herum, sieht nach Kräften verzweifelt aus. Sie macht das nicht schlecht. Aber gerade, wenn in Petra die verschmähte Liebe überkocht, fehlen der Darstellerin einige Grad. Die Heldin leidet zu temperiert.

Auch Sonnenbichler leistet sich unnötige Ausrutscher. Petras Szenen mit Freundin Sidonie tragen doch etwas zuviel Bussi-Bussi auf. Und die Videokamera ist unbeholfen hingestelltes Accessoire. Doch trotz allen Detailschwächen bleibt der Abend sehenswert.

16., 31.1., 1., 7., 8., 12., 15., 21., 23.2., 15.3.,

Tel. 0251 / 59 09 100, www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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