„Fantasia“: Neue Choreografie von Xin Peng Wang in Dortmund

+
Barbara Melo Freire als Alicia in der Dortmunder Ballett-Inszenierung „Fantasia“. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Aus dem Nebel taucht die andere auf. Ein Spiegelbild der Märchenheldin, in Weiß wie sie. Alicia und ihr Spiegel tanzen, bis der Spiegel das linke Bein hebt. Daran glänzt eine Gehschiene. Im Dortmunder Opernhaus wird die hauseigene Ballettkreation „Fantasia” gezeigt. Xin Peng Wang und sein Dramaturg Christian Baier haben sich an ein abendfüllendes Märchenballett zu Musik von Modest Mussorgski gewagt. Entstanden ist ein Ballett, das in tiefenpsychologischen Reflexionen Märchenthemen abarbeitet.

Alicia (Barbara Melo Freire) sitzt im Rollstuhl, ihr Bein wird von einer Schiene gestreckt. Eine existenzielle Verletzung für einen Tänzer. Durch die Macht von Träumen und Wünschen befreit sie sich, erprobt Bewegungsfreiheit. Sie trifft auf andere Menschen und auf Fabelwesen, begegnet ihrem behinderten Ich, stellt sich einem Menschen-Manipulator und einem Drachen. Zum Schluss hat sie ihre Freiheit mit aller Freude, aber auch mit allen Ängsten erlebt und kann diese Erfahrung an einen Leidensgefährten weitergeben.

Alicias Reise vollzieht sich in einer Traumwelt. Sie lässt eine überdimensionierte Kinderstube (Bühne: Frank Fellmann) hinter sich. Vor blau leuchtendem Hintergrund spielen und tanzen Menschen – Alicia versucht, ihre Bewegungen zu übernehmen, dreht Pirouetten auf ihrem steifen Bein. Xin Peng Wang schafft „Bewegungsloops”, choreografische Motive, die Figuren oder Gruppen zugeordnet sind. Alicia übernimmt Sequenzen der Wesen, die sie trifft – sie sucht Identität durch Identifikation mit den anderen. Doch diese Menschen werden vom Doktor Zaponetti gleichgeschaltet. Radjapov zeichnet ihn als Rotbart mit einem Schuss Mephisto und absolviert kraftraubende Sprungserien. Begleitet wird er von zwei kafkaesken Käfern (Victor Villareal und Tim Collins). Sie assistieren ihm in seinem Labor, wo er Menschen in Glaszylindern als Versuchsobjekte hält. Mit Hilfe der Fee der Zuversicht (Monika Fotescu-Uta) befreit Alicia die Menschen und flieht mit einer Gruppe von Kindern (Schüler einer Dortmunder Ballettschule). Vor ihnen muss sie ihren Leidensgenossen Florian (Arsen Azatyan) schützen. Alicia hilft ihm, auf eigenen Beinen zu stehen. Die beiden tanzen einen Pas de deux, während die Rollstühle wieder auftauchen.

Die hyperbewegliche Barbara Melo Freire ist ganz das zarte, schutzbedürftige Mädchen. Ihre enorme Gelenkigkeit stellt sie in den Dienst ihrer Rolle: Sie wirkt formbar und sehnsüchtig. Ihre Soli sind keine Bravourstücke, sondern lyrische Erkundungen. Als starke Frauenfigur ist ihr die Fee gegenübergestellt. Eine echte Tour de force absolviert das Corps, das als albtraumhafte Vögel (eine gruselige Szene zur „Nacht auf dem kahlen Berge”) und als Drachen-Teile für Aktion sorgt.

Wang und Baier haben offensichtlich eine Reflexion über Akzeptanz angestrebt. Das wäre ihnen noch besser gelungen, wenn sie auf Mehrdeutigkeit ihrer Charaktere gesetzt hätten. So bleiben die Fee und der böse Doktor Schablonen aus Märchenvorlagen. Mit Themen wie dem Auszug in die Welt und der Selbsterfahrung geht das Ballett erstaunlich naiv um. Ganze Sequenzen wirken ausgedehnt – die Botschaft wäre aber schon längst angekommen. Damit bleiben Wang und Baier auch hinter der Musik zurück. Mussorgskis Melodik und Rhythmik (schnörkellos gespielt von den Dortmunder Philharmonikern unter Motonori Kobayashi) ist direkt, hexenhaft, sogmächtig, aber niemals eindimensional. Eine Andeutung des Möglichen gibt die Szene mit den drei Kitzelmännern. Zum Intermezzo in modo classico geben sich die drei (hervorragend: Yuri Polkovodsev, Philip Woodman, Luke Aaron Forbes) als groteske, undomestizierte Wesen.

18., 26.11., 2., 10., 18., 25.12., 4., 15., 20., 25.1.;

Tel. 0231/ 50 27 222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare