Fachleute und Laien bei der chor.com in Dortmund

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Singe, wem Gesang gegeben: Der Deutsche Jugendkammerchor bei der chor.com in Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND ▪ Sie heißen Liedertafel und „Einigkeit“ und sind seit zwei Jahrhunderten gesellschaftlicher Dreh- und Angelpunkt: Chöre beschwören Zusammenhalt, Geselligkeit, treudeutsche Gemütlichkeit. Was ist Chor heute? Mit dieser Frage setzen sich Fachleute und Laien auf der Messe chor.com auseinander. Sie findet noch bis Sonntag in Dortmund statt. Eröffnet wurde sie mit einem Konzert des WDR-Rundfunkchors.

Die chor.com ist eine Mischung aus Symposium, Workshop und Konzerten nach dem Vorbild der Popkomm. Sie findet zum ersten Mal überhaupt statt. Die Dortmunder werben darum, auch die Fortsetzung in zwei Jahren ausrichten zu dürfen. Über 1000 Fachteilnehmer werden erwartet, dazu an die 10 000 weitere Besucher.

Das Eröffnungskonzert im Konzerthaus Dortmund umriss mehrere Denkfelder für diejenigen, die trachten, Chormusik im 21. Jahrhundert modern und historisch bewusst zu behandeln. Rupert Huber, Leiter des Chores, hat mit einem Historiker und in Absprache mit den Sängern einen kurzen historischen Abriss entworfen, der den Chorgesang aus den Liedertafel-Zeiten heraus nachfährt: Romantische Tableaus vom deutschen Wald mit Hörnerruf von Schubert; die Rheinseligkeit von Silchers „Lorelei“; der Ossian-Mythos, beschworen unter rauschendem Harfenklang (aus den „Vier Gesängen“ für Frauenchor von Brahms). Der WDR-Rundfunkchor sang das nüchtern.

Der zweite Teil des Konzerts versuchte, Chorgesang in die Moderne zu verfrachten: die Stuttgarter Rapper Maeckes und Plan B haben ihrem Stück den ironischen Titel gegeben: „John Paul Getty 4 oder Die Entführung des Chors ins 22. Jahrhundert.“ „Wir wollen einen Chor, der denken kann“, rappten sie, sampelten Brahms’ „In stiller Nacht“ und setzten sich wie Bohlens Jury vor die Sänger, die in Abendkleidung im Halbrund stehen. Die Vokalistin Natascha Nikeprelevic improvisierte mit dem Chor in Lauten und Silben. Hubers Umfrage unter seinen Sängern ergab: Präsentieren wollten sie sich doch lieber mit geistlicher Musik: Arvo Pärths „Nunc dimittis“.

Die Zukunft liegt im Event: davon scheinen viele Akteure im Chorwesen überzeugt, konform mit dem Trend der Kulturwirtschaft allgemein, der Opernaufführungen in Maschinenhallen verpflanzt und Theater in Verwaltungsgebäude. Was heute die Besucher zu Konzerten lockt, sind nicht mehr die guten alten Lieder, sondern das Erlebnis. Simon Halsey ist Artist in Residence der Chor.com. Der Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin hat seine Sänger überredet, Gustav Holsts „Savitri“ im Berliner Technoclub Berghain aufzuführen. Er hat eine Matthäus-Passion mit dem Regisseur Peter Sellars realisiert, der die Sänger behutsam szenisch agieren ließ. „Es ist natürlich schwierig, Menschen zu überzeugen“, sagte der Brite in einem Workshop. „Aber wenn Chöre nichts tun, verengt sich ihr Fokus.“ Dann werde nur noch Populäres gemacht; das Verdi-Requiem oder Mozarts Krönungsmesse. „Das kann man jeden Tag irgendwo hören.“ Halsey ist ein begeisternder Redner, er spricht von interkulturellen Projekten, Mitsingabenden, Musikunterricht für Grundschüler. Wer ihn hört, denkt an Mitmachprojekte wie „Rhythm is it“ seines Kollegen Simon Rattle, Chef der Berliner Philharmoniker, oder an die Energie eines Royston Maldoom, der in seiner Community Dance-Bewegung Tanz-Unerfahrene zu Profitänzern auf die Bühne holt. „Wenn Sie wüssten“, antwortete eine Kirchenchorleiterin Halsey, „wie schwer es ist, meinen Chor auch nur dazu zu bewegen, von der Empore herunterzukommen.“

Und doch ist der Projektcharakter von Chorarbeit auch unter Laien beliebt. Das hat Chorforscher Peter Brünger herausgefunden, der für eine Studie mehr als 3000 Sänger in Deutschland befragt hat. Wer singt, sagt er, fängt früh an und bleibt lange dabei. „Ich kann das gar nicht genug betonen, denn es bedeutet, dass die Menschen so früh wie möglich an den Chorgesang herangeführt werden sollten. Jede Grundschule sollte ihren Schulchor haben.“ Wer einmal singt, bleibt nicht mehr nur in seinem angestammten Chor, mit dem er allerdings hauptsächlich Geselligkeit erlebt. Er wendet sich Projektchören zu, um Aufführungen außerhalb des Stammensembles mitmachen zu können.

Sänger sind überdurchschnittlich gebildet. 45 Prozent der Befragten hatten ein Studium absolviert; zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt haben in Deutschland sieben Prozent der Menschen studiert (Stand 2008). Ein Argument für jene, die mit Kleinen und Kleinsten arbeiten; ein Schwerpunkt der chor.com.

Die chor.com geht heute und morgen mit Workshops in den Westfalenhallen Dortmund weiter. Konzertangebote sind unter anderem heute Abend die Nacht der Chöre (ab 17 Uhr) sowie die Werkstatt mit dem Komponisten Eric Whitacre morgen. Höhepunkt ist die Aufführung des Deutschen Requiems von Brahms heute mit dem Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey in einem Mitsingkonzert.

Tel. 0231 / 22 696 200 (Konzerthaus Dortmund),

http://www.chor.com

Quelle: wa.de

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