„Faces of the North“: Fotos aus Grönland von Ragnar Axelsson in Iserlohn

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Den Inuit-Jungen fotografierte Ragnar Axelsson vor seiner Heimatsiedlung in Grönland.

Von Ralf Stiftel ISERLOHN - Blut sieht man nicht. Aber der Eisbär liegt tot da. Von den beiden Jägern, die ihn erlegten, fallen mächtige Schatten auf das Eis. Der Schatten des Gewehrlaufs weist auf das Herz des Tiers. Die Inuit in Grönland töten, um zu leben.

Das Foto von Ragnar Axelsson ist in der Städtischen Galerie Iserlohn zu sehen. Der Isländer, 1958 in der Nähe von Reykjavik geboren, gehört zu den besten Dokumentarfotografen der Welt. Die Ausstellung „Faces of the North“ (Gesichter des Nordens) umfasst rund 60 großformatige Schwarz-Weiß-Aufnahmen. 1987 unternahm Axelsson seine erste Reise in die Arktis. Seit den 1990er Jahren bereist er die Gegend immer wieder.

Seinen Bildern sieht man die Nähe zu den Menschen an, die er porträtiert. Eigentlich, berichtet Axelsson, sei es verboten, bei den Inuit zu fotografieren. Wahrscheinlich aus Gründen der politischen Korrektheit. Tierschützer lieben Eisbären, Wale, Robben ganz besonders. Und die Inuit erbeuten sie seit Jahrhunderten. Aber wenn man erst einmal ihr Vertrauen gewonnen habe, zeigten die Jäger keine Scheu. Sie seien freundlich, lachten viel, berichtet Axelsson.

Er kommt den Inuit nah. Er steht auf dem Hundeschlitten und fotografiert über die Schulter des Fahrers, der die Peitsche über die Hunde schwingt. Einen Jäger lichtet er frühmorgens am Zelt auf dem Eis ab, im Moment, als er aufwachte. Eine Aufnahme zeigt einen Jäger im Kanu zwischen treibenden Eisschollen, und auch Axelsson stand im Boot, allerdings keinem Kanu, wie er sagt.

Seine Fotos zeugen von einem gefahrvollen Leben. Und er wird Zeuge vieler entscheidender Momente. Manchmal denkt man, das müsse doch inszeniert sein, so unmittelbar zeigt er Ereignisse. Auf einem Bild sieht man Hunde, die in einem plötzlich aufgebrochenen Spalt im Eis um ihr Leben strampeln. Die Jäger mit ihren Harpunen und Gewehren wirken dabei überraschend gelassen. Und sie posieren selbstbewusst mit ihrer Beute, mit dem Narwal-Kopf, den dein Mann am langen Stoßzahn hält. Mit dem Hai, von dem nur der Kopf aus dem Eisloch ragt, fixiert durch eine Kette.

Axelssons Bilder zeigen die Härte, die Grausamkeit des Lebens der Inuit. Eine gehäutete Robbe in einer Kiste sieht seltsam verletzlich aus, fast wie ein Wickelkind (dabei ist sie längst nur noch Fleisch). Immer wieder sieht man Jäger, die Tiere zerlegen. Der Fotograf blendet nichts aus. Er zeigt die Menschen des Nordens in ihrer Würde, begegnet ihnen respektvoll. Dass sie ihn so in ihr Leben lassen, ist ein Geschenk. Axelssons Sympathie ist unverkennbar. „Auf dem Eis“, sagt er, „sind sie riesig. In der Stadt schrumpfen sie.“ Der winkende Mann im fleckigen Pelzparka, an dem das Weiß der Augen das Hellste ist, wirkt riesig. Das Mädchen mit der Zahnlücke tobt so lebendig um den Fotografen, dass das Bild verwackelte.

Die Aufnahmen, viele um 2010 entstanden, wurden traditionell gemacht, auf Film. Damals hätten Digitalkameras nicht die Qualität, sagt Axelsson. Man merkt, wie er das besondere Licht des Nordens studiert. Gletscher glänzen tiefenscharf. Ein Schneefeld zeigt Körnigkeit, als könne man hineinfassen. Axelsson fotografierte im Dämmerlicht des Winters. Er zeigt das Dorf im Schneesturm. „Ich liebe es, bei schlechtem Wetter draußen zu sein“, scherzt er. Man sieht, wie die Flocken die Dächer bestäuben, wie ein Huskie sich mit geschlossenen Augen gegen den Wind stemmt.

Alles, was in Farbe gut aussehe, sehe in Schwarz-Weiß besser aus, meint Ragnar Axelsson. Vor seinen Bildern glaubt man das: Da meint man, den Himmel greifen zu können. Und wenn unter der Sonne die etwas ferneren Häuser im Dunst verschwimmen, macht das die Weite des Nordens sichtbar.

Bis 7.6., mi - fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/ 217 1940,

www.galerie-iserlohn.de

Quelle: wa.de

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